Rudolf von Willemoes-Suhm
Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie 1873 (23), Seite 346-349; 547 [FAB-3382]
Den dänischen Naturforschern ist es eine schon lange bekannte Thatsache, dass die felsigen Küsten Islands und der Faer-Oeer weit ärmer an niederen Thieren sind als z. B. diejenigen Grönlands oder Dänemarks. Dies erfuhr auch ich, als ich im September 1872 in Torshavn auf Strömö angekommen, meine Schleppnetzuntersuchungen begann und unter den eingesammelten Thieren den Anneliden meine besondere Aufmerksamkeit widmete. Es wurde mir ferner bald klar, dass ich, selbst aus einer Tiefe von 60 Faden, eigentlich immer nur solche Arten erhielt, welche im Oeresund z. B. in ca. 6—10 Faden Tiefe vorkommen. Es wunderte mich nämlich zuerst sehr, niemals eine Ophelia, einen Chaelopterus, Sipunculus oder irgend ein Mitglied derjenigen Fauna zu erhalten, welche im Oeresund die grössten Tiefen (10—18 Faden) bewohnt und die, wie ich schliessen muss, auch hier die grössten vorhandenen Tiefen aufsucht, wo die Beschaffenheit des Grundes dieselbe ist wie diejenige ihrer Wohnplätze im Sunde. Ich habe nämlich niemals auf Schlammgrund geschleppnetzt, immer auf Sand-, Stein -, Muschel- oder Korallengrund und ich glaube, dass dies die Ursache ist, warum die folgende Liste so lückenhaft ausfiel. Ich glaube also, dass bis zu einem gewissen Grade die Beschaffenheit des Bodens dasjenige Moment ist, welches die Thiere veranlasst sich an einer bestimmten Stelle niederzulassen, aber durchaus nicht die Tiefe, so z. B. dass man gewisse Thiere, die an unsern Küsten schon bei 14 Faden (in der Kieler Bucht z. B.) anzutreffen sind, weil dort Schlammgrund ist, bei den Faer-Oeern (und vielleicht auch bei Island) erst in einer Tiefe von 60—100 Faden antreffen wird. Ich will selbstverständlich nicht damit behaupten, dass ich alle diese Thiere für befähigt halte eigentliche Tiefseethiere (300 Faden und darüber) zu werden, wenn nur der Grund ihnen behagt, wohl aber, dass es gewisse Arten giebt, die an unsern Küsien in verhältnissmässig seichtem Wasser leben, welche man an denen anderer Länder, wenn auch das Thier daselbst vorkommt, erst da an treffen wird, wo die betreffenden Grundverhältnisse es gestatten, sei auch der Unterschied 50—80 Faden gross.
Da bei Malmgreen’s Liste der nordischen Anneliden (Annulala polychaeta Spitsbergiae, Islandiae, Grönlandiae et Skandinaviae. 1867) die Faer-Oeer nur selten berücksichtigt sind, wird das Folgende als ein kleiner Beitrag zur Thiergeographie immerhin Werth haben. Einige hier erörterte anatomische Verhältnisse werden, denke ich, ebenfalls dem Leser von Interesse sein. Die an den Faer-Oeer beobachteten polichaeten Anneliden sind folgende:
1. Aphrodite aculeata L. Einmal nach einem heftigen Sturm aus Osten im Hafen von Torshavn, wohin sie wohl nur ausnahmsweise getrieben worden war, da sie sonst erst in grösseren Tiefen vor kommen soll (30 — 40 Faden).
2. Lepidonotus squamatus L. Ueberall sehr gemein.
3. Sigalion Idunae Rathke. Zweimal bei ca. 12 Faden Tiefe im Naalsöfjord. Die höchst merkwürdigen Borsten an den Tentakularcirren benutzt diese Species (wie auch Leanira tetragona) wohl in der Art wie Pectinaria auricoma ihre goldigen Grabborsten. In die Mundöffnung führt eine stark flimmernde Rinne, gebildet von den Kolben der Tentakularcirren, dem mittleren Tentakel und einem abgerundeten als Unterlippe fungirenden Organ, das gerade unter dem mittleren Tentakel liegt. Das Thier scheint sehr zart und vergänglich zu sein, denn beide Exemplare, welche ich erhielt, waren todt und beschädigt.
4. Phyllodoce maculata Müll. Hafen von Torshavn.
5. Ph. badia Mgrn. Hafen von Torshavn.
6. Eulalia viridis Müll. Aus dem Hafen von Torshavn und dem Naalsöfjord (50 Faden T.)
7. Autolytus fallax Mgrn. Hafen von Torshavn.
8. Eusyllis monilicornis Mgrn. Naalsöfjord. In die Mundhöhle münden 2 Speicheldrüsen. Auf den ausstülpbaren Schlund folgt ein breiter kurzer Vormagen, der erst in den gelblich grünen Magendarm führt.
9. Syllis armillaris Müll. Naalsöfjord, 50 Faden Tiefe.
10. S. fasciata Mgr. Hafen von Torshavn und Naalsöfjord (15 Faden Tiefe).
11. Nerei spelagica L. Häufig im Hafen von Torshavn etc.
12. Nereis zonata Mgrn. Naalsöfjord.
13. Glycera alba Rathke. Ein Exemplar im Kongshavn in geringer Liefe. Da ich das Thier lebend untersuchte, bemerkte ich hier ein sehr interessantes Tastorgan, wie es meines Wissens bei Anneliden noch nicht beobachtet worden ist. Am Grunde des sehr langen Kopfrüssels (bei einem ca. 50 Mm. langen Exemplar 1 Mm. lang) bemerkte ich nämlich neben der Mundöffnung jederseits zwei kleine ein und aus stülpbare Tentakeln, die ganz wie die Fühlhörner einer Schnecke fungiren (Fig. 1 xx). Die Oberfläche eines solchen ausgestülpten Fühlers flimmert sehr lebhaft (Fig. 2). In Fig. 3 habe ich dasselbe im eingestülpten Zustande gezeichnet. Den bisherigen Untersuchern scheinen diese Organe entgangen zu sein, was wohl dadurch zu erklären ist, dass sie es meist mit Weingeistexemplaren zu thun gehabt haben und die betreffenden Organe dann ihrer Kleinheit wegen schwer sichtbar sein dürften.
14. Aricia Cuvieri Aud. et M.E.? Wegen mangelnder Literatur bin ich nicht ganz sicher ob die Bestimmung richtig ist. Ich fing drei Exemplare nach einem Sturm aus Osten in der Torshavner Bucht, in der ich sie sonst nicht fand.
15. Siphonostomum plumosura Müll. Im Naalsöfjord nicht häufig. Nach einem Sturm auch im Torshavner Hafen.
16. Spio seticornis Fabr. Sehr gemein im Hafen von Torshavn. Die Larven dieser Anneliden waren die einzigen Annelidenlarven, die im September noch im Auftrieb sich finden liessen.
17. Leucodore coeca Oerst. Der appendix disciformis dieser im Hafen von Torshavn ziemlich häufig vorkommenden Art erinnert einigermassen an die »Glocke« der männlichen Echinorrhynchen, kommt hier aber auch den Weibchen zu (Fig. 4). Die Längsmuskeln gehen von der Mitte strahlenförmig nach dem Rande zu und erzeugen so ein Bild, als seien sehr viele Stäbchen dem Organ eingelagert. — Die beiden stumpfen Kolben rechts und links am Kopf des Thiers, deren Oberfläche stark flimmert (Fig. 5), sind wohl als Analoga der Tentakeln bei Leucodore ciliata Johnst, aufzufassen, welche letztere, bei Kiel so gemeine Art, ich auf den Faer-Oeer nie gefunden habe.
18. Pectinaria granulata L. Sehr häufig. Ich habe viele Pectinarien genauer untersucht und nie eine andre als diese Art, die auch bei Island und Grönland vorkommt, gefunden.
19. Amphitrite Johnstoni Mgrn. Häufig im Hafen von Torshavn.
20. Terebella zostericola Oerst. Naalsöfjord. Das gefundene Exemplar war grösser als die in der Kieler Bucht vorkommenden.
21. Terebella Danielsseni Mgrn. Naalsöfjbrd.
22. Laphania Boeckii Mgrn. Häufig.
23. Amphicora Fabricia Müll. An der Klippe von Torshavn. Die einzige der von Schmidt hier studirten Anneliden (Neue Beiträge zur Naturgeschichte der Würmer, Jena 1849), welche ich wiedergefunden habe.
24. Serpula vermicularis L. Gemein.
25. Spirorbis borealis Dand. Gemein,
Rendsburg, im November 1872
Erklärung der Abbildungen. (Vergr. 100.)
Fig. 1. Vordertheil der Glycera alba Rthke. A Kopfrüssel, C Höhle in demselben, B erstes Borstensegment, x Tastfühler im ausgestülpten Zustande.
Fig. 2. Ein Tastfühler in grösserem Massstabe gezeichnet, ausgestülpt.
Fig. 3. Derselbe eingestülpt.
Fig. 4. Hintertheil von Leucodore coeca Oersl. ad appendix disciformis.
Fig. o. Kopfende desselben Thiers mit Blutgefässen.
