Albert von Geyr-Schweppenburg
Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]
Naalsö
Auf den folgenden Tag hatten wir eine höchst interessante Reise vorbereitet. Ich fuhr nämlich in einem Boot auf die eine Stunde entfernte Insel Naalsö. Die Fischer hatten Flinten mitgenommen, und ich legte zu meinem grossen Verdruß viermal den Beweis ab, daß ich kein glücklicher Jäger bin. Es ist auch ganz unglaublich schwer, von dem tanzenden Boote aus einen Vogel zu schießen, da man sowohl wegen der Bewegung des Vogels, als wegen der Schwankungen der Wellen keinen Augenblick ruhig zielen kann. Einer der Fischer dagegen verfehlte fast nie sein Ziel. Bald hatte er zwanzig Vögel. Es waren drei verschiedene Arten: der Seepapagei, von dem später noch die Rede sein wird, dann Laras tridactylus, eine Möve des Nordens, die hier wohl die gewöhnlichste ist, und Sterna macrura, die Seeschwalbe, die ebenfalls sehr häufig hier vorkommt.
Bald landeten wir an dem lieblichen Dörfchen Eide, dem einzigen auf der 1/5 Quadratmeile großen Insel Naalsö. Diese Insel ist eine der interessantesten von allen. Sie besteht aus einer schmalen, fruchtbaren Landzunge, auf welcher das Dorf liegt, und aus einem 1200 Fuß hohen Berge. Hier finden sich sehr schöne Zeolith-Krystalle, von denen ich eine Menge mitgenommen habe. Unter diesen zeichnen sich die Haarzeolithe besonders aus, die wie ein Bündel Haare, oder besser der feinsten Nadeln strahlenförmig von einem Mittelpunkte ausgehen.
Auf der Insel angelangt, ging ich zu einem Bauer, der mich vor einigen Tagen besucht und zu sich eingeladen hatte. Dort lernte ich, wie auch an anderen Orten, die große Gastfreundschaft der Färinger kennen. Mit ihm trat ich nun nach einer Stärkung die Reise nach dem Vogelberge an, der an dem östlichen Abhange des Berges ist. Als wir die schönen Wiesen, die bei dem Dorfe liegen, passiert hatten, begannen wir den ersten Teil des Berges zu besteigen.
Die Berge sind alle vulkanischen Ursprungs und haben eine sehr eigentümliche Formation; sie bilden stets vollständige Terrassen, so daß gegen 4—5 Riesenstufen erklommen werden müssen, bis man auf der Höhe des Berges ist. Diese Stufen nennt man Hammer. Wir stiegen nicht höher, als bis zum ersten Hammer.
Von der nördlichen Seite des Berges gingen wir nach der östlichen Seite. Auf dieser traten die Stufen nicht mehr so geordnet hervor. Statt dessen befinden sich hier gewaltige Felsenabhänge. Der Weg wurde höchst unbequem; fortwährend mußten mir über Felsen und Steinblöcke klettern.
Zur Rechten hatten wir eine etwa 800 Fuß hohe Felsenwand, die ganz schauerlich aussah und von der kleinere Gießbäche sich herabstürzten. Zuweilen sieht man hier und da ein Paar Schafe, die zwischen den feuchten Felsen gute Kräuter finden. Hier wächst die hohe Doldenpflanze Angelica Archangelica, die 8 bis 10 Fuß hoch wird. Sie ist die Königin des Nordens, die höchste wildwachsende Pflanze. Auch wird sie roh und gekocht gegessen.
Die Felsen sind fast schwarz und durchzogen mit roten Adern. Diese Adern sind der Tod der Felsen. Eine Art roter Sandstein durchzieht nämlich die Felsen, und da derselbe leicht durch die Einwirkung von Luft und Wasser verwittert, so lösen sich die Felsen und stürzen herab. Daher sind hier zu Lande fast beständig Bergstürze. Mein Begleiter war seit zwei Jahren nicht mehr an dieser Stelle gewesen und kannte dieselbe gar nicht wieder, weil die beständigen Bergstürze die Gegend ganz verändert hatten. Die riesenhaften Trümmer dieser Bergstürze liegen vom Fuß der Felsenwand bis in das Meer hinein oft so schräg auseinander, daß nur das Gewicht eines Mannes genügt, um einen oder mehrere Felsblöcke zum Sturz in den Meeresabgrund zu zwingen. Wehe da dem Unvorsichtigen, der sich dem tückischen Feisblock anvertraut hatte. Da heißt es auch: „Trau, schau, wem.“
Wir mußten nun quer über diese schiefe Ebene oder vielmehr Unebene. Auf der Reise selbst hat man mehr Mut, aber jetzt schaudert es mir noch immer, wenn ich an die unter meinen Füßen wackelnden Felsblöcke, an die Sprünge, die ich von einem zum andern machen mußte, und an das brausende Meer tief zu meinen Füßen denke. Solches durch Bergstürze gebildete Gerölle von Felsblöcken heißt „Ur“.
Mein Begleiter hatte färöische Schuhe für mich mitgenommen; denn in meinen Stiefeln konnte ich mich gar nicht auf dem glatten Felsen halten. Die färöischen Schuhe bestehen in einem dünnen Lappen von Schafleder, der um den Fuß gebunden wird. Jedermann gerbt sich das Leder selbst, indem er statt der Lohe die Wurzel der Tormentil braucht; der Schuhmacher hat dabei gar nichts zu thun; jeder näht sich seinen Lappen für seinen Fuß zurecht. In diesen Schuhen fühlt man aber jeden Stein, und die spitzen Felsen, auf die man oft springen mußte, verursachten nicht geringe Schmerzen.
Wir waren dem Vogelberge nahe und sahen schon die großen Schwärme von Seepapageien. Zwischen diesen Steinen haben sie ihre Nester, meist so tief, daß sie gar nicht zu erreichen sind, da sie zwischen den Felsen noch Höhlen in die Erde graben. Wir hofften, die Vogelfänger dort zu treffen, doch wir fanden nur ihre Netze.
Man bedient sich hier eines kleinen Netzes, welches an einer etwa 12 Fuß langen Stange befestigt ist: damit schlägt man nach den Vögeln, wenn sie in ihren Schwärmen ganz nahe an den Felsen vorbeistreichen. So kann ein Mann in einem Tage 2—300 Vögel erhaschen. Mein Begleiter fing nur einen, um mir die Art des Fangens zeigen.
Der Seepapagei, der auch Papageitaucher oder Lund (Alca arctica) heißt, ist so groß, wie die kleine Krickente, hat kurze Flügel, einen dicken Kopf und einen dicken Schnabel, der mit dem Schnabel des Papageis große Ähnlichkeit hat, nur ist er nicht, wie jener, an der Spitze gebogen. Dazu hat er ganz grelle rote und gelbe Streifen. Auch an der Wurzel des Schnabels und unter den Augen hat er eine citronengelbe Haut. Diese schönen Farben verliert leider der ausgestopfte Vogel. Wenn er gefangen wird, hat er seinen Fischvorrat, den er zum Futtern der Jungen brauchen wollte, im Schnabel. Oft sind es gegen 40 kleine Fische, die ihm wie ein Bart zu beiden Seiten des Schnabels herunterhängen, und die er sehr geschickt mit der Zunge festzuhalten weiß.
An diesem Vogelberge finden sich nur Seepapageien. So giebt es andere Vogelberge, die von andern Vogelarten bewohnt sind. Wenn ein Vogelberg von verschiedenen Arten bewohnt ist, so hat jede Art gleichsam eine Etage für sich. Am Fuße, also dicht am Meere, wohnen dann die Seeraben (Graculus carbo und cristatus), etwas höher die Möven. Vom Boote aus sieht man auf den Felsen lange Reihen von Köpfen: das sind die brütenden Möven, die ihre Nester ganz dicht nebeneinander haben. Darüber kommt das Stockwerk der Lummen. Zuletzt hoch oben das der Seepapageien, die alsdann in einer Höhe von 1000—1500 Fuß aussehen wie Bienen, die um die Felsen fliegen. Nach Berechnungen werden jährlich auf den Bogelbergen der Färöer 235.000 Vögel gefangen.
Die Fangart mit Netzen, wie ich sie beschrieb, ist sehr einfach. Es giebt aber auch eine gefahrvollere Art, die manchen das Leben kostet, und die darin besteht, daß der Vogelfänger sich an einem Strick von oben an dem steilen Felsen herabläßt. Gräßliche Geschichten könnte ich hier erzählen über die Abenteuer und über schreckliche Unglücksfälle der Vogelfänger. Nun, hierin geht es dem Färinger, wie dem Tiroler mit der Gemsjagd. Er betreibt den Vogelfang mit einer wahren Leidenschaft; und er fühlt sich weit glücklicher, wenn er an einem Seil über einem tiefen Abgrund, oder über dem brausenden Meere schwebt, als wenn er in dumpfer Werkstätte als Handwerker hämmern sollte.
Auf der Rückreise ging noch einmal die schreckliche Tour an. Doch ich fand dabei so schöne Haarzeolithe, daß auch wieder Freude zu Leid sich mengte. Um 1/2 8 Uhr abends kamen wir müde und hungrig zurück zu dem kleinen Dörfchen und zur Wohnung meines Führers. Ein herrliches Mittagsmahl hatte lange auf mich gewartet. Ich wunderte mich, daß diese einfachen Inselbewohner in der Kochkunst gar nicht so schlecht unterrichtet waren. Nach einer wohlschmeckenden Milchsuppe kamen drei gebratene Seepapageien, die ausgezeichnet mundeten. Doch muß man ihnen, wie allen nordischen Vögeln, bevor sie gebraten werden, die Haut abziehen, denn sonst haben sie einen unangenehmen Thrangeschmack. Nimm es mir nicht übel, werter Leser, daß ich Dir aus der Küche erzähle; ich glaube, wenn Du mit mir die Tour durch den Ur gemacht hättest, Du würdest auch zuletzt mehr Interesse für die gebratenen, als für die lebenden Seepapageien an den Tag gelegt haben.
Meine Fischer erwarteten mich schon lange. Sie hatten die Zeit meiner Abwesenheit gut benutzt; der Kahn lag voll von Fischen; darunter zwei große Heilbutten. Da wir günstigen Wind hatten, segelte das Schiff ohne Ruderschlag schnell Thorshavn zu. Wir unterhielten uns indessen untereinander auf das Gemütlichste. Die Richtung konnten wir nur durch den Kompaß finden, da es Nacht war.
