Meine Reise nach den Färöern (Teil 8)

Albert von Geyr-Schweppenburg

Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]

Erzählungen der Färinger (2/2)

Es findet sich auf den Färöern kaum ein Ort, an den sich nicht eine alte Sage knüpft. Manche sind von hohem poetischen Wert. Leider haben die meisten im Laufe der Zeit eine protestantische Färbung erhalten, die den katholischen Hörer unangenehm berührt. Die leidigen religiösen Vorurteile haben sich verunstaltend selbst in diese Überbleibsel der alten katholischen Vorzeit hineingedrängt. Eine derselben will ich nichtsdestoweniger hier mitteilen, weil sie im Übrigen in schöner Weise dem Glauben an die göttliche Gerechtigkeit Ausdruck verleiht. Es ist die Sage von Eriks bodi (Erichs-Riff). In der Nähe des Tindholms, westlich von Waagö, findet sich ein ganz stilles Wasser. Darin liegt eine blinde Klippe, genannt Erichs-Riff. Mit dem Namen aber hat es folgende Bewandnis. Im Kirchspiel Bö auf Waagö wohnten zwei Brüder, Simon und Erich, die von ihrem Vater sehr ausgedehnte Ländereien geerbt hatten. Ihre Schwester war mit einem Bauer in Midwaag verheiratet. Da die Brüder sich über die Verteilung des Erbes nicht einigen konnten, beschlossen sie, die Sache einem Schiedsrichter anheimzustellen. Eines Tages nun hatte Simon sich mit einigen anderen Leuten auf die See begeben, um zu fischen. Erich aber saß zu Haus und wetzte die Axt. Am Abend begab er sich hinaus an den Strand und wartete,
bis die Fischer ans Land legten. Dann rief er Simon zu, er solle eiligst mitkommen, der Schiedsrichter wolle ihren Streit entscheiden. Simon meinte, er sei hungrig und durstig, auch möchte er zuvor seine Kleider wechseln. Aber Erich ließ ihm keine Zeit, und Simon gab seinem Drängen nach. Unterwegs kamen sie an einen Bach. Da legte Simon sich nieder, um zu trinken. Im selben Augenblicke aber schwang Erich seine blanke Axt und schlug dem ahnungslosen Bruder den Kopf ab. Dann begab er sich auf den Weg gen Midvaag. Seine Schwester sah ihn rennen und fragte, welchen Teil der Ländereien Simon erhalten habe. „Den, der dem Kirchhof zunächst liegt“, antwortete Erich und eilte weiter dem Strande zu. Die Schwester konnte aus seiner Antwort schließen, was vorgefallen war, und sie eilte hinein zu ihrem Manne und forderte ihn auf, den Tod ihres Bruders zu rächen. Der Mann ließ sich nicht zweimal bitten, ergriff ein Beil und eilte dem Flüchtling nach. Dieser war unterdessen bis Sandevaag gekommen, wo er ein Boot auf dem flachen Sande liegend fand. Mit vieler Mühe gelang es ihm, dasselbe ins Wasser zu schieben, und er stieß gerade vom Lande, da sein Verfolger seiner ansichtig wurde. Erbittert schleuderte dieser sein Beil hinter ihm her, traf aber nur das Ende des Bootes. Erich ruderte nun aus Leibeskräften auf Kirkebö zu, um sich vom dortigen Bischof absolvieren zu lassen. Nun kommt die alte protestantische Fabel von der Habsucht der Kirche, die sich in allzuvielen Geschichten in der einen oder andern Form wiederfindet, als daß man nicht die Absicht herausmerken sollte. Der Bischof versprach dem reuelosen Mörder, daß seine Unthat ihm verziehen sein sollte, falls er der Kirche reichliche Buße bezahlen und ihm, dem Bischof, alljährlich einen fetten Ochsen liefern wollte. All dieses ließ der Bischof auf einem Stabe schneiden (in der üblichen Runenschrift) und gab Erich denselben als Freibrief. Vergnügten Sinnes begab sich dieser auf den Heimweg. Er ruderte gen Westen an den steilen Felsenufern Waagös vorbei, und obwohl das eine verwegene Fahrt für einen einzelnen Mann war, von wegen des starken Stromes und der gefahrvollen Brandung, gelangte er doch dank seiner Kraft und Geschicklichkeit glücklich bis in das stille Wasser unter dem Tindholm. Hier meinte er nun, sei er außer jeglicher Gefahr, und er setzte sich sorglos in sein Boot, zog den Runenstab hervor und fing an zu lesen, was da eingeschnitten stand. Während er sich aber solchergestalt seinen frohen Gedanken hingab und es unterließ, Gott zu danken, der ihn auf dem Meere beschützt, und ihn um Verzeihung zu bitten wegen seines schändlichen Brudermordes, da erhob sich plötzlich eine Brandung, schleuderte sein Boot gegen das verborgene Riff und zog den unglücklichen Erich in die Tiefe. Einige Zeit darauf landete seine Leiche an der Mündung des Baches, an dem er seinen Bruder ermordet. Den Runenstab des Bischofs hielt er in derselben Hand, womit er den Mord vollführt, zum warnenden Exempel, daß, wenn man auch der menschlichen Gerechtigkeit ein Schnippchen schlägt, man der göttlichen Gerechtigkeit doch nicht zu entgehen vermag.

Unter solchen und ähnlichen Erzählungen verging die Zeit im Fluge, allmählich hatte der Regen nachgelassen und zuletzt gänzlich aufgehört, sodaß ich den Heimweg antreten konnte. Obschon ich gerne noch länger den einfältig guten Leutchen gelauscht hätte, atmete ich doch erleichtert auf, als ich aus der fürchterlich dumpfen Stubenluft hinaustrat in die wundersam erfrischte Atmosphäre. Ich sog dieselbe mit tiefen Zügen ein, um meine Lungen gründlich auszuluften. Im übrigen aber war ich froh, meine Reiseeindrücke mit einer sehr angenehmen, mir für immer unvergeßlichen Erinnerung bereichert zu sehen.

 

Meine Wohnung und meine Hauswirte