Albert von Geyr-Schweppenburg
Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]
Abschied. Rückkehr. Heimreise
Am vorletzten Tage besuchte ich noch einmal meine lieben Katholiken, las bei ihnen die hl. Messe und gab ihnen zum letzten Mal den Leib des Herrn. Nun müssen sie wieder ein Jahr hungern nach dieser Seelenspeise. Es waren wiederum Leute zusammengekommen, die mich baten, einige Worte zu ihnen zu reden. Das schlug ich natürlich nicht ab und hielt ihnen eine ernste Predigt, in der ich vor allem scharf gegen den Schnaps zu Felde zog. Die Leute sagten, sie wollten nie vergessen, was ich ihnen gesagt habe. Wie oben bemerkt, ist inzwischen eine erfreuliche Wendung zum bessern eingetreten. So nahm ich denn von meinen guten Katholiken einen herzlichen Abschied. O, wie weinten sie! Am andern Tage früh morgens sah ich, wie die Flagge auf der Citadelle aufgehißt wurde; das war das Zeichen, daß man das kommende Schiff in der Ferne erblickt hatte. Bald dampfte es heran und die Passagiere, die in Island sich eingeschifft hatten, fuhren in Kähnen ans Land. Nach 5 Stunden Aufenthalt sollte die Reise weitergehen.
Nun war ich 15 Tage auf den Inseln gewesen, den Katholiken zum Trost und manchen anderen, wie ich hoffen darf, zum Nutzen. Für mich selbst waren es recht schöne Tage gewesen. Ich brauchte lange, um alle meine Kostbarkeiten einzupacken; manches war noch nicht trocken und ordentlich präpariert, deshalb mußte man es mit dem Geruch nicht so streng nehmen. Nur zwei Delphinköpfe überschritten die Grenze des Erträglichen; sie mußten zur Strafe zurückbleiben, um mir später nachgeschickt zu werden.
Das Schiff war ganz angefüllt mit Passagieren. Es waren auch 150 vierbeinige darunter, nämlich isländische Pferde, die sich bei dem einen oder anderen englischen Lord als Galapferde zu vermieten gedachten. Nach zweitägiger glücklicher Fahrt kamen wir schon wieder nach Edinburg. Da das Schiff hier bis zum folgenden Tage anhielt, machte ich einen Abstecher nach Glasgow, um mir auch diese Stadt flüchtig anzusehen. Sie zählt unter 600.000 Einwohnern 200.000 Katholiken. Am Montag Abend war ich rechtzeitig wieder in Edinburg auf meinem Schiffe. Abends 8 Uhr verließen wir den Hafen. Bald fühlten wir, daß das Meer ziemlich stark bewegt war. Doch erst nach 24 Stunden ging der eigentliche Sturm recht los. Wir lagen zu 20 in der unteren Kajüte, alle seekrank; selbst der Kellner, der uns bedienen sollte, konnte kaum mehr seinen Dienst versehen. Die Koffer, die eigentlich festgebunden waren, rissen sich los und flogen hin und her. Hier öffnete sich ein Koffer, der eine Gegenstand nach dem andern kam heraus zur Freude und Unterhaltung der armen Kranken und zum Ärger des Besitzers, der keine Macht hatte, dem Unfug zu steuern. Zuletzt kam eine Papiertüte, sie öffnete sich, und siehe, ein ganzes Heer Zuckerbohnen und Zuckerkügelchen tanzten zum Leidwesen des kranken Eigentümers auf dem Boden herum. Alles ging drunter und drüber.
Am Nachmittag begab ich mich auf das Verdeck, um die Krankheit mit Energie zu besiegen; da erst konnte ich sehen, mit welchen Wogen wir zu kämpfen hatten. Wie haushohe Mauern rückten sie heran und schlugen über dem Schiff zusammen, das unter ihrem Anprall ächzte und stöhnte, aber immer wieder siegreich aus der Tiefe emportauchte. Nun kam, als der Sturm nachließ, der eine, dann der andere der Passagiere zum Vorschein und freute sich des neuen Lebens.
Allein jetzt erhob sich ein starker Nebel, eine gar unangenehme Überraschung für uns. Wir konnten nun kaum wagen, weiter zu fahren, weil wir nach dem Sturm nicht mehr wußten, wo wir uns befanden. Man mußte allen Mutmaßungen nach der jütländischen Küste nahe sein. Beständig wurde die Tiefe gemessen.
Erst gegen Abend (es war Donnerstag) hob der Nebel sich, und wir sahen uns ganz nahe der Küste von Jütland, doch viel südlicher, als wir geglaubt hatten. Die Küste Jütlands ist bekanntlich sehr gefährlich, und man konnte bei allem Mut der Schiffsmannschaft ihre Verlegenbeit gut bemerken.
Spät am Abend, nachdem die Reisegesellschaft sich mit einigen Kunststücken unterhalten hatte, sagte der Kapitän zu mir: „Diesen Abend habe ich das größte Kunststück vollbracht. Ich habe das Schiff an einer Stelle vorbeigeführt, wo jedes Jahr viele Menschen für immer ihre Augen schließen.“ Da wurde es mir freilich bange ums Herz, doch der liebe Gott, der oberste Steuermann, war ja unser Führer, und in Seiner Hand waren wir sicher der Gefahr entronnen; Ihm sei Lob und Preis.
Von nun an ging die Fahrt ruhig. Wir sahen noch in der Nacht den Leuchtturm von Skagen, der nördlichsten Spitze von Jütland. Freitag Mittag sahen wir wieder die freundlichen, grünen Ufer Seelands. Alle bereiteten sich auf die baldige Ankunft und um 5 Uhr nachmittags landete das Schiff. Die Reise hatte 33 Tage gedauert.