Albert von Geyr-Schweppenburg
Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]
Der Haifisch. Der Meeresgrund
Als ich am zweiten Sonntage wiederum mein kleines Dörfchen Videnäs besuchte, bemerkte ich vor einem Fischerhause einen zum trocknen ausgehängten Haifisch. Es war die kleine Art: Spinax acanthias. Der Fischer schenkte mir ihn gleich auf meine Bitte hin, denn man gebraucht eigentlich nur die Leber; das andere wird gewöhnlich weggeworfen. Der Fischer erzählte mir, er habe 5 lebende Junge im Leibe des Tieres gefunden, die er ins Meer gesetzt habe. Mehrere Arten des Hai gebären nämlich lebende Junge, was ihn aber natürlich deshalb noch nicht zum Range der Säugetiere erhebt.
Es finden sich in diesen nördlichen Meeren hauptsächlich zwei große Haiarten, die aber beide keine Menschenmörder sind, wie der Hai der südlichen Meere, obgleich sie den Menschenhai an Größe noch übertreffen. Der größte ist Selache maxima, Riesenhai, der selbst eine Länge von 40 Fuß erreicht. Die Jagd auf diesen Riesen ist gefährlich, weil er, sobald er von der Harpune getroffen ist, in die Tiefe hinabschießt, und wehe! wenn die Leine nicht gleich folgt, dann wird das Boot in die Tiefe gerissen. Doch diese Riesen sind im Abnehmen begriffen. Viel häufiger ist der Scymnus microcephalus, der von den Dänen Havkal genannt wird. Er findet sich hauptsächlich bei Island. Er wird daselbst auf eine sehr merkwürdige Weise präpariert. Die Leber braucht man zu Thran; dies ist eigentlich das Wertvollste. Dann aber wird das Tier selbst, um es auch zu benutzen, in die Erde vergraben. Nach 6 Wochen ist das Fleisch ganz weiß und schmackhaft; frisch soll es giftig sein. Wenn man es dagegen 2 Jahre in der Erde aufbewahrt, so ist es noch besser zum essen. Alsdann hat es eine rote Farbe angenommen. Ich traf mit einem dänischen Fischer zusammen, der zwischen Island und den Färöern drei Monate lang auf dem Haifischfang gewesen war. Doch bei solchem Fang im offenen Meere wird blos die Leber an Bord aufbewahrt, alles andere wird ins Meer geworfen und sofort von den gierigen Mitbrüdern verschlungen. Der Mann klagte über den geringen Fang, und doch hatte er etwa 150 Stück getötet. Dieser Hai hat eine Länge von 20—28 Fuß.
In den letzten Tagen meines Aufenthaltes wollte ich einen Versuch machen, nach den Bewohnern des Meeresgrundes zu fischen. Leider hatte ich kein recht geeignetes Instrument dazu; auch ist der dortige Meeresgrund schwierig für derartige Untersuchungen. Ich nahm daher einen alten erfahrenen Lootsen, der das Meer rund um Thorshavn kannte, mit ins Boot.
Zuerst fanden wir bei dieser Gelegenheit die schöne rote und weiße Seeanemone (Actinia crassicornis), einen Polypen, der sich an den Steinen festsetzt und dann seinen Strahlenkranz von Fangarmen ausbreitet. So sieht er aus, wie eine schön gefüllte Rose, oft mit roten, oft mit rot und weiß panachierten Blättern. Wehe aber dem Fischlein, oder dem Seeschmetterling, der sich leichtsinnig dieser schonen Rose nähert; er wird bald von dem nesselnden Gift, welches in den vielen Fangarmen sich befindet, betäubt und als Beute festgehalten, bis alle verdaulichen Stoffe ausgesaugt sind.
Wir fingen eine Menge Eremitkrebse (Pagurus Bernhardus und pubescens), diese merkwürdigen Krebse, die, weil die Natur ihnen eine eigene Schale versagt hat, in verlassenen Schneckenhäusern ihre Wohnung aufschlagen. Ferner fand ich den Schlangenstern (Ophiura albida und fragilis), mehrere Arten von Krabben, die Seesonne (Solaster papposus), den 11armigen Seestern (Solaster hendeca), den Seeigel (Echinus esculentus). Ich jubelte vor Freude, als ich diese lebende Kugel sich nach allen Richtungen wälzend und auf mehreren hundert langen Beinen laufend lebendig in meinem Netz hatte. Es war auch ein Prachtexemplar. Das Maul mit den 5 Zähnen umgeben von vielen verschiedenartigen Fangarmen, die ganze Kugel gestreift mit Reihen von beweglichen Stacheln und mit 3—4 Zoll langen Beinen. O, wunderbar ist Gott in seinen Geschöpfen. Bald hatte ich große und kleinere Exemplare. Auch die dem Seeigel nahestehende längliche Seemaus (Echinocardiuk), die Seegurke (Holothuria, u. s. w., alles wunderbare Wesen, die in ihrem Formenreichtum die unermeßliche Ideenfülle des Schöpfers handgreiflich uns vor Augen führen.
Wohl hatte ich diese Tiere schon in Sammlungen als Spiritus-Präparate gesehen, aber wie ganz anders nimmt es sich aus, wenn man diese wunderbaren Formationen im Leben und in ihren Bewegungen sieht, mit all ihren wunderbaren Organen. Auch interessante Gasteropoden, Ringelkrebse und Seewürmer erbeutete ich. Aber was geht mich das häßliche Gewürm an? Häßlich! Da fand ich einen Wurm, der war so schön, wie die schönsten Sonnenfarben, wenn sie durch ein Prisma geteilt werden. Nein, Gott ist schön, selbst in dem Wurm, der auf dem Boden des Meeres kriecht. Schaute dem Menschen nicht die geistige Seele aus den Augen, wahrlich, er hielt den Vergleich nicht aus mit dem Wurm, der meine Beute wurde. Man nennt ihn die Goldmaus (Aphrodite). Die Schuppen auf dem Rücken glänzen in Gold und andern Farben.
Zuletzt machte ich noch einen interessanten Fund, indem ich bei näherer Untersuchung eines großen Heilbutts und eines großen Dorsches, die am Ufer lagen, herrliche Fischläufe entdeckte. Viele andere Arten, die ich so gerne gehabt hätte, konnte ich nicht bekommen, weil das Instrument zu unvollkommen war. Aber ich war schon überaus zufrieden, so viel erbeutet zu haben.
