Meine Reise nach den Färöern (Teil 13)

Albert von Geyr-Schweppenburg

Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]

Auf dem Skalingberg

Bei meinem ersten Besuch auf den Färöern hatte die Unbeständigkeit der Witterung es mir nicht erlaubt, eine größere Bergtour vorzunehmen. Als ich aber das zweite Mal wiederkam, war mir das Wetter durchgehends günstiger, sodaß ich meinem Verlangen ohne Risiko nachgeben durfte. Als Ziel wählte ich mir den Skaling- oder Skellingeberg, den höchsten Berg auf Strömö; er mißt 2400 Fuß und liegt weit von Thorshavn entfernt. Ich mußte demgemäß früh am Morgen aufbrechen. Drei Ruderer und ein Führer waren meine Begleitung.
Herrlich war die Morgenfahrt, unbeschreiblich schön an dem Felsenufer vorbei, an dem die Wogen schäumend emporschlugen. Hier warfen die Felsenriesen ihre gigantischen Schatten über die Flut, und wir glitten schweigend durch das geheimnisvolle Halbdunkel. Dort hatten die Strahlen der Morgensonne durch eine muldenartige Einsenkung der Felsen hindurch freien Zutritt zum Meeresspiegel, und in tausend Funken sprühte und glitzerte es rings umher, als wären die köstlichsten Geschmeide nur so über die Fluten dahingestreut. Am schimmernden Strande spielten munter die zierlichen Strandläuferchen (Tringa minuta), auf den schaukelnden Wellen tanzten Tausende von Seepapageien, in der klaren Tiefe schwamm die große Qualle und ließ ihre langen, bunten Fäden um sich herumflattern, Delphine tummelten sich ohne Scheu in fröhlicher Ausgelassenheit um das Boot herum und warfen von Zeit zu Zeit hohe Wasserstrahlen in die Luft. Von oben ertönte der Lärm der Möven, namentlich des Larus tridactylus, die mit Blitzesschnelle die Luft in allen Richtungen durchkreuzen, als könnten sie nimmer im Fluge ermüden. Ihr Geschrei wurde zuweilen übertönt durch die ganz widerlich klingende, nervenangreifende Stimme der Raubmöve (Larus catarrhactes). Das klingt wie ein Brandalarm, wenn ein gefährdetes Menschenleben die schleunigste Hilfe erheischt.
So ging die Fahrt bis Videnäs. Dort bogen wir in den Kalbaksfjord ein und ruderten weiter bis zum Ende des Fjordes, dessen steil abfallenden Felswände nur hier und da Platz boten für einen einsamen Hof oder ein Fischerdörfchen. Die Fahrt hatte drei Stunden gedauert. Wir verließen nun den Kahn mit den Ruderern, und ich begann mit meinem Führer den Berg zu ersteigen.
Die Berge auf den Fördern haben, wie schon früher angedeutet, eine ganz eigenartige Formation, die im allgemeinen in der größten Regelmäßigkeit auf den einzelnen Inseln wiederkehrt. Sie bestehen abwechselnd aus dachähnlichen Ansteigungen und gewaltigen, zerklüfteten oder wild aufeinandergetürmten Steinmauern, die die einzelnen Abdachungen von einander trennen. Die Abdachungen, die aus grasbewachsenem Lehmboden bestehen, werden Bracke genannt, die cyklopischen Mauern und Basaltklippen heißen Hammer. Gewöhnlich bauen sich 4 bis 5 solcher Bracken und Hammer übereinander auf, wodurch die Berge das Aussehen riesiger Terrassen erhalten. Vielleicht kann man sich die Entstehung dieser Gebilde am richtigsten folgendermaßen vorstellen. Die regelmäßige Abwechslung zwischen Lehmlage und Basaltüberlagerung schuldet ihr Dasein unterseeischen vulkanischen Eruptionen. Nach ihrer Erhebung über den Meeresspiegel scheinen keine Eruptionen mehr stattgefunden zu haben; wenigstens finden sich keine Spuren erloschener Krater mehr vor. Daß jedoch das Feuer bei der Bildung der Inseln seine Rolle gespielt, dafür legen noch die lavaartigen Ablagerungen, die sich an verschiedenen Orten finden, Zeugnis ab. Allmählich hatte sich so ein weitgestrecktes unterseeisches Hochland gebildet, das dann durch eine plötzliche, gewaltige Naturkatastrophe über den Meeresspiegel emporgehoben wurde, aber nicht mehr in gesammelter Einheit, vielmehr in eine zahlreiche Gruppe kleiner und größerer Inseln auseinandergerissen. Schmale Sunde mit steilabfallenden Felsenwänden trennten die einzelnen Eilande, die selbst wieder vielfach zerklüftet, zerrissen, zerschnitten, von tiefen Buchten unregelmäßig durchfurcht, in ihrer wilden Schönheit ein stummes und doch beredtes Klagelied sind von den furchtbaren Wehen, unter denen sie entstanden sind.
Nachdem die Inseln sich solchergestalt über den Meeresspiegel erhoben, haben die Stürme und Witterungswechsel der Jahrhunderte ihr teils gestaltendes, teils zerstörendes Spiel an ihnen fortgesetzt. Der schmelzende Schnee hat die harten Felsen zerbröckelt, die niederströmenden Regengüsse haben bedeutende Massen der Lehmunterlagen ins Meer hinabgespült. Da die Felsen auf diese Weise ihre Stütze verloren, rissen riesige Blöcke sich vom Stocke los und stürzten donnernd zu Thal, wo sie dann entweder an einzelnen Stellen an den Bergesflanken liegen blieben und die Hammer bildeten, oder aber bis zum Meeresstrande hinabrollten und sich dort zu ungeheuern Felsentrümmern auftürmten, gleich den Ruinen einer untergegangenen Welt, die die Färinger Ur benennen. Dieses Zerstörungswerk der Natur setzt sich, wie oben vermerkt, noch beständig fort. Bergstürze größeren oder geringeren Umfanges gehören auf den Färöern nicht zu den Seltenheiten. Dazu kommt noch die unheilvolle Thätigkeit des Meeres, dessen Fluten unablässig die Ufer peitschen und Stück für Stück vom Lande losreißen. Selbst die Felsen können ihrem stürmischen Anprall auf die Dauer nicht widerstehen, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Meer im Laufe der Jahrtausende die Inseln um ein Bedeutendes verkleinert hat. Das letzte Opfer, welches das Meer in seinen gefräßigen Schlund hinabgezogen, ist „der Mönch“ (Munken), der bis vor wenigen Jahren sein merkwürdiges Einsiedlerleben in der Wassereinöde südlich von Suderö führte.
Nach dieser Abschweifung wollen wir zu unserer Wanderung zurückkehren. Niemals in meinem Leben habe ich eine ödere Gegend gesehen. So weit das Auge reicht, keine Spur von menschlicher Ansiedlung. Nur rauhes, wildverworrenes Steingeröll, durch das der Führer mit wunderbarer Geschicklichkeit seinen Weg findet. Ich folge ihm vertrauensvoll wie ein Kind seiner Mutter. Ohne ihn wußte ich weder aus noch ein. In der Höhe nur hören wir das Geschrei der die Luft durchkreisenden Vögel. Auf der ersten Bracke begrüßen uns einige freundliche Blumen, Azalea, Ehrenpreis und Steinbrech, die sich aber alle nur wenig über den Boden zu erheben wagen. Der erste Hammer ist wohl 60 Fuß hoch; es ist eine mühevolle Arbeit, ihn zu übersteigen. So geht es höher und höher hinauf, als gälte es, den Himmel zu erklimmen. An einer Felsenwand fand ich einige Chalcedone. Die Flora wurde mit jedem Schritte kümmerlicher, und die Fauna mar nur noch durch einige Brachvögel vertreten, die uns mit unmelodischer Stimme anschrieen. Wäre der Himmel über mir nicht so unbeschreiblich schön blau gewesen und die Luft so wohlthuend und rein – die Erde war wirklich nicht schön.
Nach langem Steigen bekamen wir endlich die Spitze des Berges in Sicht. Welch ein Unterschied hier im kalten Norden und in den Alpen der Schweiz! Im Schweizerland die herrlichste Abwechslung, Pflanzenleben und Pflanzenduft, Quellen und Wasserreichtum — hier alles tot, kaum ein bischen Leben in dem spärlichen Moos, in dem bescheidenen, saftlosen Heidekraut. Und doch, fast fühlte ich mich von der toten Einsamkeit poetisch angehaucht. Hätte ich einen Dichter bei mir gehabt, er hätte gewiß ein Gedicht verfaßt mit der Überschrift „Gar nichts.“
Da horch! Was ist das für ein lieblicher Sang in meiner nächsten Nähe? Hat der liebe Gott selbst in dieser öden Wildnis seine Sänger, die ihm allein, auch wenn kein denkendes und empfindendes Wesen in der Nähe ist, ein Loblied singen? Es ist ein kleiner weißer Vogel, eine Schneeammer, die nicht weit von uns auf einem Steine sitzt und mit dem hellen frischen Schlag eines Kanarienvogels seinen Schöpfer preist. Er ist gar nicht scheu. Er hat eben in seiner weltabgeschiedenen Einsamkeit keine Gelegenheit, die Ungastlichkeit der Menschen zu erfahren. Wie solch eine Überraschung, solch ein freundliches Lebenszeichen in der toten Natur einem das Herz erfreuen kann. Es ist wie ein Sonnenstrahl göttlichen Trostes, der die Wolken der geistigen Trostlosigkeit durchbricht und zerstreut.
Nun öffnet sich die Fernsicht mehr und mehr. Wir sind der Spitze des Berges ganz nahe. Noch eine Basaltsäule muß erklommen werden, und wir stehen oben, 2400 Fuß hoch in der klaren, blauen Luft. Dem Adler schwindelt es wohl nicht, wenn er Rundschau hält hoch oben vom höchsten Felsengrat. Ich aber klammerte mich anfangs zitternd und bebend an meinen Führer und dachte: die ganze Aussicht kann mir gestohlen werden, wenn ich nur nicht hinunterfalle. Ja, das schwache Menschlein zitterte, während die ganze Welt so ruhig und unbeweglich vor mir lag. O wie ist man so klein da droben! Was bin ich im Vergleich zu diesem großartigen Schauspiel, das sich vor meinen Augen und tief unten zu meinen Füßen ausbreitet? Ich sehe den Ocean, den gewaltigen. Ob er Grenzen hat? Ich glaube es nicht. Er ist gar zu großartig. Da liegen die Inselchen im Meere verstreut, ach, wie Kinderspielzeug: und doch messen sie mehrere Quadratmeilen. Wie klein muß, vom Himmel aus gesehen, die Erde sich ausnehmen! Kaiserreiche und Oceane verschwinden, es verschwindet das Menschenwerk und des Menschen lächerliche Eitelkeit, es verschwindet auch der Schmerz, der dich so gewaltig drückt. Die armen thörichten Heiden, die vor solchen Wundern der Natur zu Boden fielen, um ihnen als Gottheiten zu huldigen! Nein, du armes, winziges Menschenkind, erhebe dich zu ihm, der dies alles mit einem Wort aus dem Nichts hervorgerufen, zu ihm, vor dem die ganze Welt nur ein elendes Nichts ist, und vor ihm kniee nicht bloß nieder, nein, wirf dich in den Staub vor ihm, ob er nun im Himmel thront, oder demütig im Sakramente sich verhüllt, um dich nicht durch den Anblick seiner Größe zu erdrücken. Ja groß, unermeßlich groß ist Gott, aber groß ist auch der Menschengeist, der Gott erfassen kann, und groß ist das Gebet, durch welches der unendliche Gott sich will besiegen lassen.
Doch es ist Zeit, von diesem herrlichen Panorama Abschied zu nehmen. Wäre ich nur erst wieder die unglückselige Basaltsäule hinunter. Es gelang unter treulicher Assistenz meines wackeren Führers, und nun konnten wir ohne weitere Fährnis, aber nicht ohne große Beschwerde an den Fuß des Berges und zu unserm Boote gelangen. Auf der Heimfahrt hätte einmal beinahe ein Stoßwind das segelnde Boot umgeworfen. Da ein günstiger Wind den Fjord hinabstrich, hißten meine Leute die Segel. Wozu auch sollten sie sich unnütz mit Rudern ermüden? Aber der Wind hat seine Nücken. Wo ein schmales Thal in den Fjord einmündet, kommt oft durch das Thal ein plötzlicher, heftiger Seitenwind. Wir waren auf unserer Hut, so oft wir uns solch einer gefährlichen Stelle näherten. Da hatte immer einer der Männer das Segel in der Hand, um es bei dem plötzlichen Windstoß schleunigst zu wenden. Einmal nun glitt der Mann beim Springen auf die andere Seite aus und fiel ins Boot. Einen Augenblick sah es aus, als wäre alles verloren. Aber die große Schnelligkeit und Geistesgegenwart der andern rettete uns vom Untergang.

Riesenalk