Albert von Geyr-Schweppenburg
Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]
Die Christianisierung der Inseln
vielleicht wird es meine lieben Leser interessieren, etwas näheres über die im vorigen Kapitel angedeutete Christianisierung der Färöer zu erfahren. Die Leute jener alten Zeit — es war im Anfange des 2. Jahrtausends — hatten ihre ganz eigentümliche Art und Weise, die Heiden zur Annahme des Christentums zu bewegen.
Also zu jener Zeit waren alle Bewohner jener Inseln noch blinde Odinanbeter. Damals lebten daselbst zwei Brüder mit Namen Bräster und Beiner. Bräster hatte einen Sohn mit Namen Sigmund, der Sohn Beiners hieß Thorer. Der erstere war zur Zeit, wo unsere Geschichte spielt, 9 Jahre alt, der letztere 11. Eines Tages segelten Bräster und Beiner von Groß-Dimon, wo der Hof Brästers lag, nach Klein-Dimon, wo sie ihre Schafe weideten. Sigmund und Thorer hatten Erlaubnis erhalten, mitzufahren. Auf dieser Fahrt nun wurden die beiden Brüder von einer Überzahl Feinde, darunter Thraand von Göte und Bjarne von Svinö, angegriffen und erlagen nach heldenmütigem Widerstände, nicht ohne 5 der Feinde sich in den Tod vorausgeschickt zu haben. Nun wollte Thraand auch die beiden Knaben töten, Bjarne aber verhinderte ihn daran. Die Knaben hatten von einem Felsen aus dem traurigen Ausgang des Kampfes zugesehen. Thorer weinte, Sigmund aber, in dessen Brust sich schon frühe der Heldengeist regte, tröstete ihn: „Laß uns nicht weinen, Vetter, dagegen das Geschehene um so tiefer dem Gedächtnis einprägen.“ Sie mußten nun Thraand folgen, der sich ihrer Erziehung annahm.
In der Folgezeit kamen Sigmund und Thorer nach Norwegen zu König Olaf dem Heiligen, wo sie das Christentum annahmen. Sigmund scheint sich im Dienste besonders hervorgethan zu haben. Darum erwählte ihn der König, um durch ihn den christlichen Glauben auch auf seinen Heimatinseln einzuführen. Sigmund weigerte sich anfangs, gab aber zuletzt dem Willen des Königs nach. Dieser ernannte ihn demgemäß zum Statthalter der Inseln und gab ihm Lehrer mit, die das Volk unterrichten und taufen sollten.
Die Reise nach den Färöern ging glücklich von statten. Sigmund versammelte sofort das Volk auf Thinganäs, und es kamen viele zusammen. Da trat Sigmund auf, hielt eine lange Rede und sagte, daß König Olaf ihn zum Statthalter der Inseln ernannt habe. Das gefiel den meisten nicht übel. Darauf sagte Sigmund: „Außerdem thue ich euch kund und zu wissen, daß ich den christlichen Glauben angenommen habe, und daß der König mich in der Absicht hierher gesandt, damit ich das ganze Volk zum wahren Glauben bekehre.“ Thraand erhob sich und meinte, das sei eine Sache, die die Bauern sich erst wohl überlegen müßten. Dazu meinten die Bauern, das sei gut gesprochen. Sie folgten nun Thraand zu gemeinschaftlicher Beratung, und es gelang diesem leicht, sie zu einem entschiedenen Nein zu überreden.
Sigmund merkte bald, daß er einen Fehler begangen, indem er die Leute sich alle entfernen ließ. Aber es war zu spät. Schon sah er die Schar zurückkehren. Sie schwangen die Waffen über den Häuptern und sahen gar nicht friedfertig aus. Sigmund und seine Leute sprangen auf, ihnen entgegen. Aber Thraand stellte sich dazwischen und sprach: „Laß deine Leute sich setzen, Freund Sigmund, und merke dir eins. Wir sind alle zusammen einig geworden, daß wir von dem Glaubenswechsel nichts wissen wollen: und wenn du nicht von deinem Vorhaben abstehst, werden wir dich hier auf der Stelle angreifen und töten. Darum gieb uns das feste Versprechen, daß du diese Sache nie wieder auf die Bahn bringen willst.“ Sigmund, der sah, daß er diesmal nichts erreichen konnte, machte gute Miene zum bösen Spiel, und das Thing wurde geschlossen. Er hielt sich nun den Winter über auf Skuvö auf, ohne es sich anmerken zu lassen, wie sehr seine Niederlage ihn verdroß.
Als aber der Frühling gekommen war und die See so hoch ging, daß alle es für unmöglich hielten, von einer Insel zur andern zu fahren, fuhr Sigmund mit 30 Mann in zwei Schiffen von Skuvö ab, fest entschlossen, den Auftrag des Königs auszurichten oder aber zu sterben. Sie steuerten gen Osterö und langten zur Nachtzeit an der Insel an, ohne von jemanden bemerkt zu sein. Sofort schlugen sie einen Kreis um den Hof Gote und stießen mit einer Stange die Thür zu der Kammer ein, worin Thraand schlief, ergriffen ihn und führten ihn hinaus. Da sagte Sigmund:
„Siehst du nun, Thraand, wie das Blättchen sich gewendet hat? Im Herbst zwangest du mich und stelltest mich vor eine harte Wahl. Nun will auch ich dir zwischen zwei Dingen zu wählen geben. Das eine ist gut, nämlich daß du den wahren Glauben annehmest und dich taufen lassest. Das andere aber ist, daß du auf der Stelle niedergemacht wirst, und das wäre ein trauriges Los für dich; denn dann würdest du deinen großen Reichtum und das Glück dieser Welt verlieren und statt dessen die Qual und ewige Pein der Hölle in der anderen Welt eintauschen.“ Thraand antwortete trotzig: „Ich will meine alten Freunde nicht im Stiche lassen.“ Da befahl Sigmund einem Manne, Thraand zu töten, und gab ihm eine große Axt in die Hand. Aber da dieser mit erhobener Axt auf Thraand losging, sah derselbe ihn an und sagte: „Schlag mich nicht so schnell! Ich habe erst etwas zu sagen. Wo ist mein Pflegesohn Sigmund?“ „Hier bin ich,“ sagte dieser. „Mache mit mir, was du willst,“ sagte da Thraand, „und ich will den Glauben annehmen, den du wünschest.“ „Schlag ihn nieder, Mann!“ rief Thorer. „Nein,“ sagte Sigmund, „diesmal soll ihm kein Leid zugefügt werden.“ Thorer sprach: „Das wird dein und deiner Freunde Tod, wenn er jetzt entwischt.“ Sigmund aber erwiederte: „Das wollen wir abwarten.“ Darauf wurde Thraand mit seinen Hausgenossen von einem Priester getauft.
Drauf lustig der Tage dreimal drei
Die Helden tranken und tanzten dabei;
so schließt die gereimte Sigmund-Brästersön-Sage diese merkwürdige Bekehrungsgeschichte. Sigmund benutzte diesen ersten Erfolg, indem er die ganzen Färöer durchzog und nicht eher ruhte, als bis alle Einwohner derselben sich hatten taufen lassen.
Im Sommer rüstete Sigmund sich zu einer Fahrt nach Norwegen, um König Olaf seine schuldigen Abgaben zu entrichten. Thraand sollte ihn auf dieser Reise begleiten. Thraand bat und flehte, ob er nicht zu Hause bleiben dürfte: aber Sigmund bestand auf seinem Willen. Das Schiff war jedoch noch nicht weit gekommen, da erhob sich ein heftiger Sturm, der sie zurücktrieb und das Schiff an einem Felsen zerschmetterte. Sie retteten nur das nackte Leben. Nicht besser ging es das zweite Mal, und Thraand versicherte, daß es jedesmal in gleicher Weise gehen werde, so oft man ihn gegen seinen Willen mitzunehmen versuchen würde; er schien im Bunde mit bösen Mächten zu stehen. Sigmund mußte in dem Jahre seine Reise aufgeben, da es schon gegen Winter ging. Darum zog ein jeder sich auf seinen Hof zurück.
Nun scheint eine Reihe von Jahren ruhig verlaufen zu sein. Doch war Thraand, wie zweifelsohne auch manche andere Färinger, nur zum Scheine ein Christ, und er konnte es Sigmund nie verzeihen, daß er ihn überlistet hatte. Einst nun, da der Winter vor der Thür stand, segelte er mit 30 Mann nach Skuvö, um Sigmund heimzusuchen. Es habe ihn geträumt, sagte er, daß sie demselben nun zu Leibe rücken würden. Sie umzingelten Sigmunds Hof, wie einst dieser den Hof Thraands umzingelt hatte, und griffen mit Ungestüm an. Aber Sigmund und seine Mannen setzten sich tapfer zur Wehr, und auch seine Frau Thurida kämpfte wie ein Mann.
Nachdem der Kampf eine Zeitlang gerast, und die Feinde schon anfingen, Feuer anzulegen, trat Thurida vor die Thür und rief: „Wie lange, Thraand, willst du mit kopflosen Männern kämpfen?“ „So, so!“ sagte Thraand, „ist Sigmund entkommen?“ Er sucht nun flötend auf der andern Seite des Hofes und findet dort einen heimlichen Gang. Dort steckt er die Hand in die Erde, hält sie dann an die Nase und sagt: „Richtig, hier sind sie zu dreien entflohen, Sigmund, Thorer und Einar.“ Sofort gab er sich daran, umherzulaufen und wie ein Hund zu schnüffeln, bis er an eine Felskluft kam, die sich quer über die Insel hinzieht. Da rief er aus: „Diesen Weg sind sie geflohen, und hier ist Sigmund über die Kluft gesprungen.“ Dann teilte er seine Leute: die eine Hälfte sandte er links um die Kluft herum; er selbst aber rief: „Nun ziemt es sich, Sigmund, daß du dich sehen lassest, wenn du noch deinen alten Mut bewahrt hast und fernerhin für einen tapfern Mann angesehen werden willst.“ Da kam durch die stockfinstre Nacht ein Mann über die Kluft gesprungen und hieb nach ihm. Aber er traf nur Thraands Nebenmann, Steingrina, dem er die Schulter spaltete. Er sprang sofort rücklings über die Kluft zurück. „Das war Sigmund,“ rief Thraand; „jetzt schleunig um die Kluft herum.“ Und er eilte nach rechts um die Kluft herum, um die Flüchtlinge von beiden Seiten zu fassen.

Diese hatten sich auf einen Felsen dicht am Meere zurückgezogen. Aber bald hörten sie Menschenstimmen von allen Seiten. Da sprach Thorer: „Nun wollen wir uns zur Wehr setzen, so gut wir können.“ „Nicht bin ich imstande, mich zur Wehr zu setzen,“ erwiderte Sigmund; „denn ich verlor mein Schwert, als ich vorhin rücklings über die Kluft zurücksprang. Darum wollen wir nun vom Felsen hinabspringen und uns durch Schwimmen zu retten suchen.“ „Es sei, wie du gesagt“, antwortete Thorer, und gleichzeitig sprangen alle drei ins Meer und schwammen aus Leibeskräften. Als Thraand den Platsch der Wellen hörte, rief er: „Da sind sie davon. Auf, laßt uns ein Schiff nehmen, wo wir es finden können, und sie aufsuchen, die einen zu Wasser, die andern zu Lande!“ Und so thaten sie, sie fanden aber niemanden.
Was war aus Sigmund und seinen Gefährten geworden? Dieselben schwammen eine Zeitlang in der Richtung auf Suderö zu, dort, wo der Abstand am kleinsten war; es war aber doch eine lange Seemeile. Da sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, sagte Einar: „Nun müssen wir von einander scheiden, meine Freunde“. Sigmund erwiderte: „Das soll nicht sein. Leg dich auf meine Schultern, Einar.“ Einar that, wie befohlen, und Sigmund schwamm mit ihm durch die Wellen. Nach einer Weile fragte Thorer, der hinter ihm schwamm: „Wie lange, Vetter Sigmund, willst du einen toten Menschen mit dir schleppen?“ Sigmund ließ die Leiche ins Wasser gleiten, und die beiden Freunde schwammen allein weiter.
Wieder verging eine geraume Weile. Sie hatten noch ein Viertel des Weges zurück, da sagte Thorer: „Alle Zeit unseres Lebens, mein Vetter Sigmund, haben wir zusammen gelebt und große Liebe zu einander gehabt; jetzt aber scheint es, daß unser Zusammenleben enden soll. Ich habe gethan, was in meinen Kräften stand. Nun will ich, daß du dich und dein Leben rettest, ohne dich um mich zu kümmern. Denn wolltest du mir helfen, würdest du dein eigenes Leben aufs Spiel setzen.“ Sigmund aber sprach: „Das soll nimmer geschehen, daß wir uns so trennen, mein Vetter Thorer. Entweder kommen wir beide ans Land oder keiner von uns.“ Er nahm nun Thorer auf seine Schultern; derselbe war so ermattet, daß er sich gar nicht helfen konnte. Sigmund aber schwamm, bis er Suderö erreichte.
Hier aber war er selbst so erschöpft, daß er der starken Brandung nicht mehr widerstehen konnte, sondern von ihr hin und her geschleudert wurde. Da geschah es nun, daß die Wellen Thorer von seinen Schultern rissen und ihn in der Tiefe begruben. Sigmund aber gelang es zuletzt, an den Strand zu kriechen und sich im Tang zu verstecken. Dort aber wurde er am folgenden Morgen von dem Bauern Thorgrim dem Bösen aufgefunden. Da dieser erfuhr, wer er sei, und zugleich einige Kostbarkeiten bei ihm entdeckte, beredete er seine Söhne Ormstein und Thorstein, ihn grausam zu erschlagen. Seine Leiche begruben sie unter einem Hügel, und neben ihm betteten sie Thorer, den die Wogen ans Land gespült hatten.
So endete nach der alten Sage Sigmund, der unvergleichliche Held; aber der Glaube, den er auf den Inseln eingepflanzt, entfaltete sich zu immer schönerer Blüte, bis im 16. Jahrhunderte auf heimtückische Weise ein falscher Glaube an seine Stelle eingeschmuggelt wurde. Gebe Gott, daß der wahre Glaube recht bald zu neuer und schönerer Blüte emporsprießen möge.