Albert von Geyr-Schweppenburg
Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]
Verschiedenes
Mehrere Tage gingen nun hin ohne besonders interessante Begebenheiten. Währenddes war ich beschäftigt mit dem Konservieren der gefundenen Gegenstände; besonders machte das Trocknen der Algen große Schwierigkeiten. Am Nachmittag ging ich dann an den Strand, um aufzusammeln, was das reiche Meer ausgeworfen hatte.
Zweimal machte ich auch eine kleinere Tour auf die nächsten Anhöhen bei Thorshavn. Gern hätte ich einmal eine größere Bergtour gemacht, aber das Wetter war dafür zu unsicher. Die höchsten Berge finden sich auf der Insel Österö, die nach Strömö die größte ist und von dieser nur durch einen sehr schmalen Sund getrennt wird. Von Videnäs aus hat man einen sehr schönen Ausblick auf den schmalen Sund und die jenseits liegende Insel Österö mit ihren hohen Bergspitzen, die mit blendendem Schnee bedeckt sind. Es giebt hier keine eigentlichen Gletscher: dafür sind die Berge zu niedrig; aber es hält sich doch viel Schnee auf der der Sonne abgewandten Seite. Die höchste Spitze ist 2809 Fuß hoch. Alle Gebirge bestehen aus Trapporphyr und bilden stets, wie ich schon vorher sagte, Stufen oder Hammer. Die Aussicht von diesen hohen Spitzen wird als ganz großartig gepriesen. Man übersieht dort alle einzelnen Inseln, die gleichsam wie eine Herde von Seeungeheuern aus dem weiten Ocean sich erheben. An Metallen sind die Berge arm. Nur auf der Insel Naalsö findet sich gediegenes Kupfer, aber in so geringer Quantität, daß es bis jetzt nicht benutzt wurde. Die häufigsten Mineralien sind Spath und namentlich alle möglichen Arten von Zeolith.
Auf meinen Touren war ich oft ganz begeistert von den Naturschönheiten, die sich hier finden, den Bergen und Felsen, den Bergstürzen und Wasserfällen und dem großen weiten Meer. Doch man vermißt hier die grünen Wälder und die wogenden Saaten. Die inneren Teile der Inseln sind ganz traurige unbewohnte, meist sumpfige Öden und Hochebenen, wo nur Steine gesäet sind, die keine Frucht tragen. Das ganze Leben spielt sich nur am Ufer des Meeres ab. Überall sieht man den Norden, überall entbehrt man das Leben des Südens. Man sieht keine fleißige Biene Honig sammeln, man hört keine Hummel brummen, keine Wespe benagt das reife Obst, sie hätte ja wegen Mangels an solchem keine Nahrung. Keine geschäftige Ameise sucht sich Tannennadeln zusammen. Nie hört man an warmen Sommerabenden das gemütliche Quaken der Frösche. Kein Frosch, keine Kröte, keine Eidechse, keine Schlange ist hier zu sehen. Von Käfern giebt es nur wenige Arten, von Schmetterlingen habe ich nur Kleinfalter gesehen. Auch die Flora ist beschränkt. Ich vermißte manches liebe Blümchen der Heimat. Die ganze Flora bietet 300 Phanerogamen. Doch die Wiesen
bei den Dörfern sind sehr schön mit Blumen geziert; besonders Ranunculus acris, Lychnis flos cuculi und diurna sind üppig und schön. Ich freute mich hingegen, auch hier manches Blümlein wiederzufinden, welches ich auf meinen früheren Alpentouren bei Feldkirch liebgewonnen hatte, Saxifraga stellaris, Sedum villosum, Silena acaulis u. s. w. Eine Pflanze fand ich, die mir ganz neu war, Cornus suecica, eine ganz nordische Pflanze. Hätte ich eine Bergtour machen können, so würde ich noch andere schöne Pflanzen gefunden haben; denn dort giebt es eine ganze, wenn auch ihren Arten nach nicht so bedeutende Alpenflora.
Keine Tierklasse ist auf den Färöern so stark vertreten, als die Vögel und unter diesen besonders die Schwimmvögel und sodann die Watvögel. Eine Merkwürdigkeit bietet sich hier dem Ornithologen, die nur an wenigen Orten der Welt sich findet, nämlich weiße Raben; es ist, wie es scheint, nur eine Varietät des schwarzen. Hier auf den Färöern gilt also der Ausdruck „rabenschwarz“ nicht mehr. Ursprünglich gab es auf den Inseln kein einziges Säugetier. Haustiere, Pferde, Kühe, Schafe, Schweine, Katzen und Hunde wurden eingeführt. Ratten und Mäuse haben sich selbst eingeführt, ohne die Überfahrt zu bezahlen. Hasen sind vor etwa 50 Jahren eingeführt und haben sich stark vermehrt, da kein Fuchs oder Iltis die Vermehrung kontrolliert; sie kommen aber nur auf den beiden größten Inseln vor. Es ist der nordische Hase (Lepus variabilis), der im Winter weiß wird. Auf der kleinen Insel Dimon fand sich bis vor wenigen Jahren eine merkwürdige Art wilder oder verwildeter Schafe. Sie waren schwarz mit großen, stein-bockartigen Hörnern und hatten mehr Haare als Wolle. Man sieht sie als einen Bastard von Schaf und Ziege an. Exemplare davon sind in den Museen in Kopenhagen. Die interessante Art ist leider jetzt ganz ausgestorben. Die Pferde werden nur zum Tragen gebraucht; Wagen und Karren giebt es nicht. Es ist eine besondere Art Pferde, klein, mit sehr langen starken Mähnen, darunter sehr schöne Tiere. Obgleich sie fürs gewöhnliche frei herum weiden und keinen Stall kennen, sind sie doch überaus zahm und friedlich. Schafe giebt es so viele, daß auf jeden Einwohner 18 Schafe kommen. Dieselben wurden schon von den ersten Einwanderern eingeführt.
Diese ersten Einwanderer waren christliche Einsiedler aus Schottland, so berichtet die Sage. Doch zogen sie sich wieder zurück oder starben aus. Sie hatten bereits den besten Hafenplatz auf den Inseln gefunden und daselbst die erste Niederlassung gegründet. Hafen und Ort heißen noch jetzt: Westmannshaven. Man nannte nämlich jene ersten schottischen Einwanderer Westmänner zum Unterschiede von den Ostmännern, die später von Norwegen herkamen. Als nun die norwegischen Einwanderer kamen, fanden sie die Inseln schon voller Schafe und nannten dieselben deshalb Färöer, d. i. Schafsinseln. Diese norwegischen Ankömmlinge waren Heiden, wurden aber unter König Olaf dem Heiligen für das Christentum gewonnen kurz nach dem Jahre 1000. Sigmund Brästersön ist der erste christliche Held, der noch in vielen Heldensagen gefeiert wird. Er war der Lehnsherr der Inseln, hatte sich schon früher durch große Heldenthaten ausgezeichnet, hatte darauf bei seinem König in Norwegen das Christentum angenommen und wollte es nun auch auf seinen Inseln ausbreiten. Anfangs gelang alles gut, bald aber erlag er den Verfolgungsränken seines Pflegevaters. Doch hatte er nicht vergebens gestritten und geblutet. Das Christentum war bleibend eingeführt, und kurz nach seinem Tode erhielten die Inseln einen Bischof. Kirkebö wurde Bischofssitz und verblieb es bis zur Reformation.
