Albert von Geyr-Schweppenburg
Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]
Kirkebö
Herr Bergh, Oberlehrer an der hiesigen, neu errichteten Realschule, war unterdessen in meinem Quartier gewesen, um mich für den folgenden Tag zu einem Ausflug nach Kirkebö einzuladen. Keiner folgte einer Einladung so bereitwillig als ich, obgleich ich sehr müde war.
Kirkebö liegt eine starke Meile von Thorshavn, auf der südlichen Spitze der Insel. Der Weg dahin führt wiederum über felsige Gebirge. Auf den steinigen Triften wird man beständig von Vögeln angeschrieen, die, wie bei uns die Kiebitze, durch ihr Geschrei ihr Nest verraten, so besonders der Brachvogel. Derselbe findet sich hier in 3 Arten, der große, mittlere und der kleinere (Numenius phaeopus) und der schöne Austernfischer (Haematopus ostralegus).
Auf dem hohen Bergrücken, den wir vor Kirkebö zu ersteigen hatten, bot sich ein ganz wundersamer schöner Fernblick auf die nahegelegenen Inseln dar. Zu unserer Rechten lag Waagö, eine ziemlich große Insel, die sich durch ihre schönen Berge und ihre Landseeen auszeichnet. Vor uns ganz nahe die beiden kleinen Felseninseln Hestö und Kolter. Etwas weiter hinter diesen die größere Insel Sandö mit dem uns zugewandten steilen Vogelberg Trollehoved, d. i. Hexenkopf. Dort fängt man den für die Inseln nützlichsten Vogel, die dumme Lumme (Urin troile).
Kirkebö liegt unter einer hohen Felsenwand am Meere, und da die Felsenwand nach Süden liegt, so ist dieser Ort außergewöhnlich warm. Hier war der uralte Sitz der katholischen Bischöfe. Das bischöfliche Haus steht noch wohlerhalten da, ein altehrwürdiges Monument. Es ist von gewaltigen aufeinandergelegten Baumstämmen gebaut. Als ich hinein kam, hing es ganz voll gefangener Lummen, und viele Weiber waren damit beschäftigt, dieselben zu rupfen. Auch die alte Bischofskirche aus dem II. oder 12. Jahrhunderte besteht noch und wird noch als Kirche benutzt. Neben dieser alten Kirche liegt eine Ruine: dieselbe ist aber jüngeren Datums. Die Kirche und Ruine sind die einzigen Steinbauten, die sich auf den Inseln finden.
Diese Ruine sollte einst die eigentliche Kathedralkirche werden. Man war damit in vollem Bau begriffen, als die einbrechende Reformation kein Geld mehr hatte zur Vollendung neuer Kirchen. So liegt der schöne Bau unvollendet bis auf den heutigen Tag. Auf den Mauern blüht die Angelica. Die Überreste des Baues sind durch die Überwucherung so verdorben, daß dieselben wohl vergebens einer besseren Zeit entgegenhoffen, und doch höre ich, daß man’s noch mit dem Aufbau versuchen will.

Draußen vor Kirkebö im Meere liegt ein Holm (d. i. eine kleine Insel), die ein Hauptquartier der Eidergänse (Somateria mollissima) ist.
Wir wollten diesen lieben Vögeln doch auch einen Besuch abstattcn und fuhren deshalb auf einem Kahn hinüber. Dort waren mehrere Hundert Nester. Man hat mit Steinen und Brettern kleine Abteilungen für die Vögel hergerichtet, damit sie bequemer ihre Nester bauen könnten: aber auch, um sie bequemer ihrer Dunen, mit denen sie das Nest auspolstern, berauben zu können.

Apropos Dunen! „Wissen Sie auch,“ fragte mich Herr Bergh, „wie die Eidergänse an ihr herrlickes Dunenkleid gekommen sind?“ „Nein; wissen Sie etwas näheres darüber?“
„Nun gewiß; jeder Färinger kann Ihnen das erzählen. Die Eidergans und der Cormoran (Phalacrocorax oder Graculus carbo) stritten sich darum, wer von ihnen die Dunen erhalten sollte. Zuletzt gingen sie eine Wette ein; wer von ihnen zuerst erwachte und die Sonne anmeldete, der sollte die Dunen haben. Nun setzte die Eidergans sich ganz gemütlich hin und schlief. Der Cormoran dagegen hielt sich mit der größten Anstrengung wach bis zum Einbruch der Morgendämmerung. Als er den ersten Schimmer des nahenden Tages gewahr wurde, konnte er seine Freude nicht zügeln, sondern rief laut aus, daß es tage. Darüber erwachte die Eidergans, und nun hatte sie gewonnenes Spiel. Denn während der Cormoran vor lauter Ermüdung einschlief, saß sie gemächlich auf ihrem Stein und hielt Ausschau, bis die Strahlen der Sonne über dem Meeresspiegel hervorblitzten. Da rupfte sie den Cormoran mit ihrem Schnabel und meldete, die Sonne sei da. Auf diese Weise erhielt die Eidergans ihr Dunenkleid. Dem Cormoran aber wurde zur Strafe für seine Schwatzhaftigkeit die Zunge ausgeschnitten, sodaß nur ein kleiner Stummel im Schnabel zurückblieb.“
Ich mußte herzlich lachen über diese naive Naturbeschreibung, die freilich poetischer klingt, als das objektive trockene Registrieren des Naturforschers: der Cormoran hat statt der Zunge einen kleinen Stummel im Halse, die Brust der Eidergans ist mit weichen Dunen bekleidet.

Inzwischen betrachtete ich mit Muße die interessanten Vögel. Die brütenden Weibchen waren so eifrig in ihrem Geschäft, daß sie sich durch uns nicht stören ließen: ja, einige ließen sich ruhig auf dem Neste streicheln. Es waren nur Weibchen zu sehen. Die Männchen waren schon fortgezogen nach dem höchsten Norden, wohin die Weibchen mit der neuen Nachkommenschaft im Herbste nachfolgen.
Der andere Teil des Holms war von Nestern der Seeschwalbe (sterna macrura) wie besäet. Die Eier dieser Vögel sind so groß und fast auch so schmackhaft, wie die Eier des Kiebitzes. Der Eigentümer dieses Holms hatte jedes Jahr von dort eine Ernte von mehreren Tausend Eiern. Doch in den letzten Jahren haben die Ratten den Weg hinüber gefunden und richten einen großen Schaden an. Dort fing ich auch einen kleinen Austernfischer im unnenkleide. Der wäre recht schön zum Ausstopfen gewesen, aber der Kleine schaute mich so bittend an, ich mußte ihm die Freiheit schenken. Ob der Schlingel mir nun auch dankbar bleibt, weiß ich nicht.
Auf dem Rückwege überfiel uns ein sehr dichter Nebel, wie er auf diesen Inseln, besonders auf den Bergen sehr häufig ist. Derselbe ist für den Wanderer sehr gefährlich, da es keine Wege giebt, wohl aber viele Abgründe. Bald hatten wir wirklich die Richtung verloren und waren in großer Not. Doch Herr Bergh kannte solche Abenteuer. Wir suchten an den nächsten Bach zu kommen, den wir rauschen hörten. Geht man nun dem Bache nach, so kommt man am sichersten zum Meere, und am Meeresufer findet man gewöhnlich bald Häuser. Dies gelang auch uns vollkommen. So fanden wir am Meere entlang leicht den Weg nach Thorshavn. Die Bäche hier auf den Inseln sind im Verhältnis zu ihrem kurzen Lauf sehr wasserreich. Überall findet man Wasserfälle, die für einen Maler oft großartige Skizzen bieten würden. In diesen Felsenbächen giebt es viele Lachsforellen (Salmo Trutta), die mit wunderbarer Kraft sich an den Wasserfällen hinaufschnellen.