Island und die Färöer (Teil 6)

Alexander Baumgartner

Nordische Fahrten, Skizzen und Studien 1889 (XIV), Seite 47-62 [FAB-0159]

Die Handelsstation Klacksvik

Die zahlreichen Buchten, Straßen, Vorgebirge und Einschnitte gewähren dem Vorüberfahrenden zwar stets ähnliche Bilder mit derselben Färbung, aber doch einen steten Wechsel der Zeichnung. In der Station Klacksvik war das offene Meer dem Blicke völlig entzogen. Man glaubte in einem ruhigen Landsee zu sein, der seine Arme in ein wildes Gebirge hinein ästen ließ. Am Ende der Bucht, wo zwei Bergausläufer sich zu einer Landenge vereinigten, stand eine kleine Holzkirche, frisch mit weißer Farbe getüncht. Am Strande erhoben sich einige größere Factoreien, dann, übereinander den Hügel hinan, etliche 30 Häuser und Hütten, alle mit Gras bedeckt.
Auffällig war eine Wohnung, die zwischen schlichten Bretterhäusern sich wie ein artiges Schweizerhäuschen ausnahm, unten mit weißgetünchter Mauer, oben mit braunen Bretterwänden, darüber ein stumpfes Grasdach.
Die Ankunft eines Schiffes ist für die einsamen Insulaner, welche sich den nöthigen Verkehr zwischen den Inseln schon oft genug durch Sturm und Wogen erkämpfen müffen, immer ein Ereigniß. Eine Menge Männer, Burschen, Knaben und Kinder drängte sich an den Strand; auch neugierige Weiber kamen aus den Häusern hervor, um sich die Passagiere anzusehen. Die Männer, sämmtlich in der schon beschriebenen Tracht, sahen bärtig und ziemlich wild drein. Nur mit Fischfang, Vogelfang und Schafzucht beschäftigt, in stetem hartem Ringen mit Wetter und Meer, haben sie ein beschwerliches, mühseliges Leben. Jedes Jahr kommen viele bei ihren unvermeidlichen See- und Felsabenteuern um; dafür erreichen die anderen durchschnittlich ein schönes Alter. Man findet viele Leute über die 60 und 70 hinaus, nach der alten Erfahrung, daß Strapazen die Gesundheit weniger aufreiben, als Wohlleben und Luxus. Daß das Trinken eine der Hauptsünden der Färinger ist, davon bekamen wir gleich beim Landen ein Pröbchen. Einer der Männer, die an der Landungsbrücke standen, war so benebelt, daß er Brücke und Luft nicht mehr unterschied, sondern jäh zwischen ein paar Nachen herabtaumelte. Unter großem Humor der Umstehenden ward er von anderen Fischern, die ihn gehörig schimpften, aus seinem ernüchternden Bade herausgezogen und ans Land geschafft.

Graf Wolfegg hatte seine Jagdflinte mitgenommen, hatte aber nur Patronenhülsen, kein Pulver. Wir suchten also einen Laden auf und wurden in eine große Butike gewiesen, wo, wie in guter alter Zeit, Lebensmittel, Kleider, Holz, Eisenwaaren — einfach alles zu haben war. Wie am Strande, gafften uns die Leute mit sehr brummigen Gesichtern an. Dagegen nahm uns der Sysselman (Kreispräsident), den wir um Jagderlaubniß fragen wollten, sehr wohlwollend auf und bot uns sogar Cigarren an, was zum Patronenstopfen nicht eben sehr paßte. Die ganze Inselgruppe ist in sechs Syssel getheilt, hat also sechs solcher „Sysselmänd“, welche unter Leitung des „Amtmanns“ sowohl die laufenden Regierungsgeschäfte als auch das Richteramt verwalten. Der Sysselman wohnte bescheiden, aber nicht ohne die gewöhnliche europäische Ausstattung von Haus und Ziinmer. Er erwähnte mit viel Liebe und Hochachtung des katholischen Missionärs, Herrn Bauer, der früher in Thorshavn gewohnt hatte.
Die Jagderlaubniß nützte indes nicht viel. Die Seeschwalben, Seepapageien und Austernfischer hielten sich vor dem kleinen Hinterlader in ehrfurchtsvoller Entfernung und waren, wenn sie auch neckend in die Nähe kamen, in rascher Wendung wieder entflohen. Mich freute es vor allem, wieder auf festem Boden spazieren zu können. Wir gingen zu der kleinen Kirche, an der nichts Merkwürdiges zu sehen war — eine gut geschnittene, gut genagelte und sauber angestrichene Bretterbude mit etlichen Fenstern rechts und links und einem kleinen Thürmchen auf dem Giebel über der Thüre. Rund herum lagen ein paar armselige Wohnungen. Die Aussicht aber war schön, sowohl nach dem kleinen Fjord hin, durch den wir von Norden her gekommen waren, als auch nach einem zweiten, der sich südlich aufthut.
Am Strande lagen Schädel und Gerippe von Grindwalen herum.
Als wir zurückgingen, folgten uns zwei Färinger dicht auf den Fersen, horchten uns zu und beobachteten uns mit nicht eben freundlichen Geberden. Wir wandten uns endlich um und fragten, was sie wollten. Da fragten sie uns, ob wir Dänen seien. „Nei, vi ere Tydskere.“ Darauf waren sie zufrieden, schüttelten uns gemüthlich die Hände und schlugen einen andern Pfad ein. Es war offenbar bloße Neugier gewesen. Wir klommen den steilen Hammer hinan, um eine weitere Aussicht zu erlangen. Hinter einem der obersten Häuschen fanden wir ein ganz kleines Grundstück mit einer Hecke von Walfischköpfen umzäunt. Es waren deren sicher mehrere hundert; ein sonderbarer Anblick, aber ganz charakteristisch, da der Grindfang hier eine große Rolle spielt. Auf den mageren Wiesen weidete einiges Vieh, oben Schafe.
Das Panorama, das sich von der Höhe darbot, hatte eine gewisse melancholische Großartigkeit. In zwei großen, seeartigen Buchten drängte sich der Ocean in die Insel Bordö hinein, deren Bergrücken und Bergspitzen in monotoner Perspective sich coulissenartig hintereinander aufzackten. Nach Norden verlor sich der eine Fjord in größeren Doppelarmen zwischen den Felscoulissen — über den höheren lagerten weiße, dichte Wolkenknäuel, bloß auf die Gelegenheit wartend, Sonne, Meer und Fels in trüben Nebelschleier einzuhüllen. Alles war einsam und todt. Nur die stets feuchten Bergwiesen an den Abhängen grünten freundlich, und aus ihren Grasbüscheln schauten traulich die Blüten des gewöhnlichen Fettkrautes (Pinguicula vulgaris) und einer Art Wiesenraute (Thalictrum alpinum) hervor. Ehe wir den Grat völlig erreichen konnten, in dessen Nähe meine Freunde ein paar schöne Stücke Chalcedon fanden, sandte uns der dicke Kapitän West seine Polizeiordre in Form eines schrillen Pfiffs an die Felsen hinauf, und wir beeilten uns, seinem Machtgebot zu entsprechen.