Alexander Baumgartner
Nordische Fahrten, Skizzen und Studien 1889 (XIV), Seite 47-62 [FAB-0159]
Die Gruppirung der Faröer, Bevölkerung, Berge, Dörfer und Pfarreien
Die ganze Inselgruppe, einen Flächenraum von 1333 qkm umfassend (also etwa so groß, wie einer der mittleren Schweizerkantone, Aargau oder Luzern), zählt 17 größere und etliche kleinere Inseln, und zerfällt in drei kleinere Gruppen. Die südliche bildet heute nur mehr die längliche Insel Suderö. Die mittlere besteht aus der größern Insel Sandö und den kleineren Store Dimon, Lille Dimon, Koltir und Hestur (letztere beiden Namen bedeuten „das Füllen“ und „das Pferd“). Die eigentliche Hauptgruppe liegt im Norden und bildet eine Art von zusammenhängendem Gebirge, dessen Spitzen und Bergrücken durch neun Meeresarme in die Inseln Mygenäs, Vaagö, Strömö, Oesterö, Kalsö, Kunö, Bordö, Vidö, Svinö und Friglö getrennt sind, während die Südspitze von Strömö entlang die schmale Insel Naalsö gleichsam eine Fortsetzung zu Oesterö bildet.
Wie die Hauptbergzüge der Insel, laufen auch die neun Kanäle, wenn auch nicht ganz gleich, von Südost nach Nordwest, ungefähr nach Island hin.
Die Flut vom Atlantischen Meere her bringt in diesen Meerstraßen eine regelmäßige Strömung und Gegenströmung hervor, „Bald“ genannt, welche die Einwohner genau kennen und zu ihren Fahrten, besonders zum Fischfang benützen. Der eine Strom von West nach Ost dauert 6 Stunden 12 Minuten. Doch mehrt der Strom bei Sturm und Unwetter bedeutend die Fährlichkeit, und das Zusammentreffen des Stromes mit anderen kleineren Meeresströmungen erfordert bei den Inselfahrten viel Geschick, Kenntniß und Erfahrung. Durch Sturm, Wirbelwind und Nebel wird die Verbindung zwischen den einzelnen, weiter auseinander liegenden Inseln oft wochenlang unterbrochen, namentlich im Winter.
Sonst ist der Winter milde, so daß man die Schafe fast immer im Freien weiden läßt, oft auch die Pferde. Dagegen ist der Sommer kurz und feucht. Man rechnet im Jahre etwa 267 Regentage, also kaum 100 schöne, freundliche Tage.
Wir hatten das Glück, einen dieser guten Tage zu treffen. Im vollen Sonnenschein war das Meer herrlich blau. Während wir an den Inseln Strömö und Oesterö vorüberfuhren, kochte und arbeitete es unaufhörlich in den gewaltigen Wolkenmassen, die wie ein zweites Gebirge über dem Felskern der Inseln lasteten. Oben von der Sonne erhellt, warfen die weißen und leichtgrauen Wolkenballen tiefe, phantastische Schatten auf die röthlichen Felsterrassen, welche sich einsam und trotzig aus dem milchweißen Saum der Brandung erhoben. Zwischen Thorshavn und der großentheils nur von Vögeln bewohnten Insel Naalsö befanden wir uns erst in einem seeartigen Sunde. Zwischen den pyramidenförmigen Vorgebirgen der Inseln Strömö und Oesterö that sich links allgemach der schmale Kollafjördjur auf, der aber rasch in einem Felsenlabyrinth sich zu verlieren schien, rechts das hohe Meer in freudigem Sonnenglanz. Es war ein höchst malerischer Gegensatz: das düstere Felsenschloß, das sich langsam aus seiner grauen Nebelhülle hervorkämpfte, und das weite, offene Meer, das, anscheinend in den schmalen Felsenstraßen gefangen, sich gigantisch nach dem fernen Horizont erweiterte, um von Nord und Süd das ganze Bergschloß zu umringen. Dort die nordischen Götter in Wolken auf ihrem Felsensaal, hier der unermeßliche Kampfplatz der Vikinger und ihrer stolzen Schiffe.
Eine zweite Meerstraße führte uns zwischen die Inseln Oesterö und Bordö hinein. Unmittelbar vor uns schien die Südspitze von Kalsö, eine kahle Felspyramide, den Weiterweg zu versperren. Aber Zacharias ließ sich nicht beirren. Er verordnete dem Steuermann eine tüchtige Wendung nach Osten. Bald war uns die Aussicht nach dem offenen Meere ganz entschwunden und wir dampften in eine öde Bucht der Insel Bordö hinein. Weit und breit kein Haus, kein Stall, kein Baum; nur Felsen und Gestrüpp, Meer und Wolken — eine großartige Einsamkeit. Im Innern der Bucht indessen that sich ein gemüthlicher, kleiner Handelsplatz auf, und der Danebrog grüßte uns von mehreren Schiffen und Häusern.
Die Bevölkerung der Färöer ist seit dem vorigen Jahrhundert beständig im Steigen. Sie betrug:
1769 . . . 4.775,
1801 . . . 5.265,
1834 . . . 6.928,
1860 . . . 8.922,
1870 . . . 9.992,
1880 . . . 11.221.
Auf 1 qkm Landes kommen nur 8 Menschen. Da es den Inseln gänzlich an Wald und Bäumen fehlt, die Vegetation auch sonst dürftig ist, so tritt die Felsgestalt der Inseln fast überall in ihrer nackten Ursprünglichkeit zu Tage. Vielfach zerklüftet, steigen die röthlichen Trapplager meist jäh zu einer Durchschnittshöhe von etwa 300 m auf. Bald ragen sie als ziemlich regelmäßige Kegel oder Pyramiden ins Meer hinaus; bald bilden sie eine langgestreckte Mauer, die in scharfen Absätzen nach dem Meere abfällt; bald umschließen sie kesselförmige Thalmulden, in deren geschütztem Grunde einzelne Wohnungen, oder mehrere Höfe, oder wenigstens kleinere Weidegründe sich zeigen. Immer aber bauen sich die Felsen in terrassenförmigen Absätzen auf, in welchen Trapp, besonders Trapp-Porphyr, mit weicheren Trappsandsteinlagern wechselt. Dieser verwittert leicht, und wenn das geschieht, stürzen die oberen Massen herunter und bilden die sogen. Urdar — kleine Bergstürze. Die Terrassen werden Hamrar (d. h. Hämmer) genannt, die schrägen Abhänge Fjall pl. Fjöll, die Bergspitzen Tindar. Der höchste Punkt auf Oesterö, der Slattaratindur, erreicht 882 m, der höchste auf Strömö, der Skjalings-Fjeld, 763 m. Da sich indes die Vorgebirge zu 300 m und darüber erheben, so hat man in den nördlichen Inseln immer eine gewaltige Felsenburg vor sich, nach unten von mattem Grün belebt, nach oben meist kahl und öde. Doch stechen die röthlichen Felsentöne schön von dem Grün der kümmerlichen Weiden ab und von dem tiefblauen Meere. Bis hinauf in die schroffsten Felsregionen klettern Schafe ihrem kümmerlichen Futter nach. Die älteren Ansiedlungen sind keine eigentlichen Dörfer, sondern nach altem Normannenbrauch nur Gruppen näherstehender Höfe, in deren Mitte gewöhnlich eine Kirche errichtet ist. Im ganzen sind auf den Inseln 41 solcher Kirchspiele, aber nur 7 Pastorate. Beim Ausfahren von Thorshavn begegnete uns ein Nachen, auf dem eben ein Pastor nach einer entlegeneren Kirche fuhr, um dort folgenden Tages Gottesdienst zu halten. Die neueren Handelsplätze entwickeln sich mehr nach Art eigentlicher Dörfer, indem die Häuser näher beisammen stehen und schöner und wohnlicher gebaut sind.
