Alexander Baumgartner
Nordische Fahrten, Skizzen und Studien 1889 (XIV), Seite 47-62 [FAB-0159]
Die Hauptstadt der Färöer
23. Juni.
Als wir auf das Schiff zurückkehrten, war es bedeutend lebendiger darauf, als am Morgen. Kaufleute, Lastträger, Bootsleute waren noch mit Ein- und Ausladen beschäftigt. Manche Leute vom Strand waren da, um bei einem Gläschen Aquavit das Neueste aus Dänemark zu vernehmen. Die Bucht war durch viele Kähne belebt. Der Himmel hatte sich etwas aufgeheitert, und helle Lichtstreifen glitzerten über das dunkle Meer dahin. Nur über den Inselbergen lastete noch schweres Gewölke und ballte sich in weißen Cumuli hoch in den Himmel hinauf.
Auch bei dieser günstigem Beleuchtung sah Thorshavn nicht viel beffer aus, als ein ärmliches Alpendorf aus einer öden Berggegend, wo die Wiesenzone aufhört und der kahle Fels beginnt. Während man aber in den Alpen unter solchen Felsregionen gewöhnlich Wald, Wiesen und freundlichere Landschaft trifft, fängt hier unmittelbar daran das unfruchtbare Meer an und peitscht mit seinen Wogen das einförmige Gestade. Das Städtchen liegt an einer ziemlich weiten Bucht, welche durch eine hügelige Landzunge in zwei Theile geschieden ist. Der kleinere nach Norden beherbergt eine Menge von Kähnen, Fischerbarken und geringeren Fahrzeugen, während der größere — südlich — sich zur offenen Rhede entwickelt. Gegen die gewaltigen Stürme im Winter bietet weder die äußere Bucht noch der innere Hafen mit seinen natürlichen Felsenmauern genügenden Schutz. Mit Thränen in den Augen erzählte uns Frau Hansen, wie der Sturm ihnen während des vorigen Winters eines ihrer besten Handelsschiffe in dem innern Hafen vor ihren Augen zertrümmerte. Ja, die Häuser unten am Strand sind selbst kaum vor der Wuth des Sturmes sicher. Von ihm gepeitscht, dringen die Wogen hoch über die Klippen des Gestades herein und überschütten das Grasdach mit ihrem schäumenden Gischt. Es muß ein schrecklicher Winter sein. Der Tag dauert kaum etliche Stunden; dann stürmt und wettert es noch wochenlang, und wenn der Sturm ausgetobt hat, lagern sich trübe Nebel bis herab an die Küste und hüllen oft auch diese in ihren grauen Mantel ein. Die feuchte Luft durchdringt alles, und kaum im Innern der Häuser kann man sich gegen die frostige Nässe schirmen.
Das Vorgebirge, das die zwei Buchten trennt, ist ganz mit Häuschen und Hütten überkrustet, zwischen denen enge, winkelige Gäßchen nur kleinen Zwischenraum lassen. Keines dieser Gäßchen ist eben; schon das nächste Haus steht wieder etwas höher oder tiefer auf dem knorrigen Felsengrund, der, noch von keinem Ingenieur oder Mineur in seiner phantastischen Willkür gestört, sich möglichst unregelmäßig zum Hügel erhebt. Unten roh, mit Felsstücken und Rasen verbarrikadirt, auf den Dächern mit Gras und Moos bewachsen, sehen diese kleinen Häuschen mit ihren winzigen, spärlichen Luken und Fenstern fast wie Nester aus, die, aus dem Felsen hervorgewachsen, sich am liebsten ganz darin verbergen möchten, um gegen das Ungemach des Meeres und der Atmosphäre Schutz bieten zu können. Nur die besseren sind mit getheerten, zum Theil auch weiß angestrichenen Brettern bekleidet, die man weit aus Norwegen, Schottland oder Dänemark kommen lassen muß, weil auf der ganzen Inselgruppe kein Wald ist und die spärlichen einzelnen Bäume sich nur kümmerlich entwickeln.
Ueber diesem Gewimmel von armen Hütten und Häuschen, das sich vom Strand der beiden Buchten die Hügel hinan entwickelt, erhebt sich ungefähr in der Mitte, wie ein Wesen aus einer andern Culturwelt, eine Kirche und ein Kirchthurm, weiß, mit goldenem Gockel darauf, in höchst einfachem Stil, kaum größer als die Kirche eines kleinen Bergdorfes. Rechts davon, etwas höher, hat sich der Staat in einem stattlichen Steingebäude seine Wohnung errichtet. Es ist der einzige Bau, der einigermaßen an eine Stadt erinnert. Da haust Sr. Dänischen Majestät Diener und Stellvertreter, der Amtmann (amtsmaðr), der, zugleich Commandant, mit dem Landvogt und Sorenskriver zusammen das Colonialregiment in den Färöern führt. Die geistliche Obrigkeit, der Pastor, wohnt nach dem südlichen Ende der Ortschaft hin, in einem für diese Gegend netten, geräumigen Hofe. Unfern davon deutet ein Thürmchen eine zweite Kirche an, mit einem kleinen Bauernhaus daneben. Hier hatte sich einst ein deutscher Missionär niedergelassen und eine katholische Mission gegründet, aber nach mehreren Jahren entbehrungsreicher Thätigkeit sich genöthigt gesehen, dieselbe wieder aufzugeben. Wo wir hinkamen, fanden wir ihn noch in bestem Andenken. Er war als gebildeter, wissenschaftlicher, wohlthätiger und allseitig tüchtiger Mann überall wohl gelitten. Wenn er nur kein Priester gewesen wäre! Aber vom Katholischwerden wollten die Färinger, ein paar arme, gute Leute abgerechnet, nichts wissen. Das war ihnen zu verwickelt. Der Lutheranismus war einfacher und stellte geringere Anforderungen. Halbe Naturmenschen und zähe am Alten haftend, bewiesen sich die armen Fischer und Schiffer dem Missionär gegenüber so widerhaarig, wie nur ausgelernte Positivisten und Darwinisten. Auf katholische Ansiedler von anderswoher war keine Aussicht, und so wurde denn der Missionsversuch vorläufig aufgegeben, d. h. auf bessere Zeiten verschoben.
Am andern Ende von Thorshavn, nördlich, erhebt sich auf einem felsigen Hügelvorsprung ein kleines Fort, dessen Kanönchen jedoch einem ordentlichen Panzerschiffe wohl nicht lange Trotz bieten könnten. Auf hohem Flaggenstab wehte der Danebrog, die dänische Flagge, weißes Kreuz auf rothem Grunde, die einzige Erscheinung, welche, auf unserem Schiffe und am Strande in noch einigen Exemplaren sich wiederholend, etwas Farbe in das sonst todte, graublaue, dunkle Seebild brachte. Es fröhlich zu gestalten, vermochte selbst die liebe Sonne nicht. Denn baumlos und trostlos stiegen hinter dem Städtchen in mehreren Wellenlinien, ohne scharf markirte Zacken, die Hügel der Insel Strömö empor, bis sie oben in phantastischen Wolkengestalten verschwanden, und je kräftiger die Sonne leuchtete, desto schärfer stach der todte Fels von seinem dünnen Mooskleide und dem niedrigen Heidekraut ab, das den Färingern als Buschwerk gilt. Doch haben die Färöer immerhin noch eine reichere Vegetation, als der Fernblick von der Rhede aus gewahren läßt. Zwischen den Hecken, welche sich an den Hügeln hinziehen, ist mancher kleine Garten und manches Stückchen Feld mit schwerer Mühe dem magern Boden abgewonnen, und da und dort mildert eine Wiese die eintönige Felslandschaft. Fels und Meer behalten aber entschieden die Oberhand. Zwischen Fischen und Seevögeln wohnend, theilt der Mensch einigermaßen das unstäte Loos dieser Geschöpfe; bald mit dem Ungemach der See, bald mit dem Widerstand der rauhen Felsen ringend, härtet er sich im Kampfe mit beiden ab, begnügt sich mit wenigem und freut sich königlich, wenn es um sein ärmliches Gehöft herum recht stark nach Fischen duftet. Denn Fische sind seine Hauptnahrung, Fische der hauptsächliche Handelsartikel, Fische sein Hauptstudium. Mit Fischen werden die Wiesen gedüngt, und selbst die Hausthiere, Katze und Hund, Schwein und Kuh, bekommen mit von den Fischen.
Es wurde halb Zehn, bis der „Romny“ seine Handelsgeschäfte bereinigt hatte und endlich abfahren konnte. Zu meiner Erheiterung kam der Lootse Zacharias wieder und übernahm, anstatt des Kapitäns, die Leitung des Schiffes. Er war indes ein gemüthlicher Regent und konnte, wie der große Gajus Julius Cäsar, mehreres zugleich treiben: er rauchte sein Pfeifchen, nahm sein Prieschen, plauderte mit Kapitän und Passagieren und hielt dabei beständig auf den Curs Acht, commandirte dem Steuermann bald mit Gesticulationen, bald mit abgerissenem Zuruf, und führte uns sichern Blickes an den Gestaden der Inseln Strömö und Oesterö entlang in die Meerstraße hinein, welche letztere Insel von Bordö trennt. Lootsenführung ist in diesen engen Straßen der Inselgruppe unerläßlich, sowohl wegen des häufigen und dichten Nebels, der sich oft ganz unerwartet von den Bergen herabsenkt, als wegen der verschiedenen Strömungen und Klippen, die sie unsicher machen, und wegen der oft plötzlich einbrechenden Stürme, welche fast jedes Jahr Unglücksfälle anzurichten pflegen. Für Barken und Kähne ist der Verkehr zwischen den einzelnen Inseln vielfach von bestimmten Strömen bedingt und wird zu anderer Zeit oder bei Gegenstrom und Sturm geradezu gefahrvoll. Der wettergebräunte Zacharias hatte manchen solchen Sturm mitgemacht; zufrieden mit Wind und Wetter, schaute er jetzt so behaglich aufs Meer hinaus, als ob es ihm gehörte. Zwischen den prosaischen Figuren der Reisegesellschaft sah er so originell drein, daß ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihn in mein Notizbuch zu skizziren. Die Skizze ging von Hand zu Hand und kam zuletzt auch an ihn. Er guckte mich zuerst ganz verwundert an: „Soll ich das sein? Ist das Ernst oder Spaß?“ Im ganzen gefiel es ihm aber, abconterfeit zu sein, und er schüttelte mir treuherzig die Hand. Weit mehr freute es mich aber an dem wackern Seebären, daß er beim Abschied von meinem Reisegefährten ein Crucifix, das dieser ihm schenkte, mit dem Ausdruck der herzlichsten Freude und Dankbarkeit entgegennahm. Wie ein Kind, das ein Geschenk erhalten, kam er auch zu Graf Wolfegg und mir, um uns die Hand zu drücken und zu danken. Im rauhen Kampfe mit den Elementen so oft ernster Lebensgefahr ausgesetzt, freute sich der schlichte, brave Mann, etwas zu haben, das ihn an den Erlöser und an Gottes Beistand erinnerte. Es ist viel Gutherzigkeit und vielleicht auch noch viel Glauben bei diesen einfachen Menschen.