Alexander Baumgartner
Nordische Fahrten, Skizzen und Studien 1889 (XIV), Seite 47-62 [FAB-0159]
Bootfahrt nach Hvidenäs – Drei katholische Insulaner
Also gleich wieder ins Boot. Zwei Burschen von etwa 20 Jahren und ein Mann von etwa 30 ruderten uns mit einer Kraft und Gewandtheit, wie sie nur solche Insulaner besitzen, zum Hafen hinaus und hart längs der brandenden Küste eine Stunde weit nördlich nach Hvidenäs. In dem kleinen Nachen nimmt sich das Meer viel großartiger aus, als vom Dampfer. Eine einzige Woge spielt mit dem winzigen Ding wie mit einer Nußschale. In einiger Entfernnng vom Strand schäumte weißer Gischt an kleineren und größeren Klippen auf und bezeichnete mit seinem Tosen auch verborgene Riffe, während der Küste entlang dasselbe Schauspiel sich in allen erdenklichen Variationen wiederholte.
Auf diesen von Wind und Wellen gepeitschten Inseln, die einst ganz katholisch waren, wohnten unter 11.000 Menschen verlassen und einsam drei arme Katholiken, ein Schmied und ein Fischer mit seiner Frau. Paul Jensen, der Fischer, war einst ein so fanatischer Lutheraner, daß er, als er von einem katholischen Missionsversuch hörte, laut drohte, den ersten katholischen Priester niederzumachen, der ihm begegnete. Als indes ein schweres Augenleiden ihn nöthigte, gerade bei dem katholischen Priester Hilfe zu suchen, da zerrann seine Wuth, und die treue Liebe des Missionärs brachte ihn auf ganz andere Gedanken. Er, seine Frau und Jakob der Schmied überzeugten sich von der Wahrheit des katholischen Glaubens und traten mit heldenmütiger Hinopferung aller irdischen Interessen zur einen Kirche Christi zurück. Ein wahrer Sturm, eine Art Christenverfolgung brach gegen sie los. Eine Zeit lang waren sie kaum ihres Lebens sicher, und als die ärgste Aufregung der Protestanten verraucht war, sahen sie sich von allen ihren Landsleuten excommunicirt. Die Frau des Schmiedes Jakob und seine zwölf Kinder verließen ihren Gatten und Vater; der bereits bejahrte Mann sah sich von da an genöthigt, selbst zu kochen und alle Hausgeschäfte zu besorgen. Auch von Paul und seiner Frau zogen sich Freunde und Angehörige grollend zurück. Alle drei hielten indes muthig aus und blieben der Kirche auch dann noch treu, als die Mission aufgegeben, Missionshaus und Kirche verkauft, der Missionär abberufen wurde und künftig höchstens einmal im Jahr ein katholischer Priester hinkommen konnte, ihnen die heiligen Sacramente zu spenden.
Es rührte mich tief, als Gesandter der katholischen Kirche zu diesen armen Verlassenen gehen zu dürfen, um ihnen in ihrer Armuth einen Festtag zu bereiten. Es rührte mich nicht weniger, bei diesem Besuche zwei Sprößlinge hoher und vornehmer Geschlechter in jene armen Hütten zu begleiten. Die katholische Kirche allein gleicht alle Verschiedenheit der Stände und Völker aus, ohne sie zu zerstören.
In einer öden Felsenbucht landeten wir; unten am Strand deckten ein paar Strohhütten die langen Fischerkähne. Da hingen auch Rochen, Klippfische und andere Fische zum Trocknen aus. An den Hügeln herum klebten etwa zwölf arme Hütten, ärmer als die ärmsten, die man in den Alpen sieht. Zu einer derselben führte uns unser Bootsmann. Da wohnte Paul; er war krank und lag zu Bette. Seine Frau wies uns aus dem Mittelraum, der zugleich Küche und Stube vorstellte, in ein kleines Stübchen, das der frühere Missionär nothdürftig tapeziert und zum Kapellchen eingerichtet hatte. Während P. von Geyr die ihm schon bekannten Leute begrüßte und dann Beicht hörte, bereiteten Graf Wolfegg und ich alles zur heiligen Messe vor. In keinem Dome und in keiner noch so andächtigen Kapelle habe ich das heilige Opfer je mit solcher innigen Rührung dargebracht, wie in diesem armen Stübchen, das an die Verlassenheit von Bethlehem erinnerte. Der alte Jakob und die Frau Pauls communicirten am Altäre; dem kranken Paul mußte ich die heilige Communion an sein Schmerzenslager bringen. Es sollte für ihn die letzte sein. Alle empfingen die heilige Speise mit der herzlichsten Andacht, und die Protestanten, die sich außer den Bootsleuten noch eingefunden hatten, wohnten dem Gottesdienste mit ernster Ehrerbietung bei. Während wir uns nach vollendeter Messe sofort wieder zur Abreise rüsteten, hielt P. von Geyr im Mittelraum der Hütte noch eine kleine dänische Predigt; dann stellte er uns den guten Leuten vor, die uns die Hände gar nicht mehr loslassen wollten und uns in unerschöpflichen Ausdrücken ihrer Herzensfreude dankten. „Das war ein Festtag!“ sagte der alte Jakob; „o wenn Sie nur bei uns bleiben könnten. Wann kommt wieder ein Priester, der bei uns bleibt?“
Es that uns ordentlich weh, von den guten Leuten so rasch wieder Abschied nehmen zu müssen. Unser Auftrag war indes erfüllt, und wir mußten eilen, um rechtzeitig wieder auf dem Dampfer zu sein.
