Island und die Färöer (Teil 1)

Alexander Baumgartner

Nordische Fahrten, Skizzen und Studien 1889 (XIV), Seite 47-62 [FAB-0159]

Eine verschwundene Größe

22. Juni.
Zum erstenmal in meinem Leben hatte ich die volle Einsamkeit des Atlantischen Meeres vor mir. Sie ist wirklich grandios, wenn die Phantasie dabei auch etwas mitspielt. Die See war ruhig, das Wetter prächtig. Eine Zeit lang war eine dänische Brigg in Sicht; am Nachmittag kamen drei Walfische ziemlich nahe und kündigten sich durch die Spritzbrunnen an, die sie aus ihren Spritzlöchern über den tiefblauen Ocean emporsandten. Indem ich die Kajüte mied, befand ich mich erträglich wohl und fing an, mich mit Vater Ocean auszusöhnen. Gegen Abend überzog sich indes der Himmel, das Meer ward sehr unruhig und schien mir sich zu einem Sturme vorbereiten zu wollen.
Als wir etwa um 10 Uhr abends uns den Färöern näherten, stellte sich heraus, daß der Kapitän zu weit westlich hatte steuern lasten. Es mußte etwas gedreht und ein anderer Kurs eingeschlagen werden. Das bot den Vortheil, daß wir die erste Vorburg der Inselgruppe ziemlich lange im Auge behielten. Es ist das der Mönch („Munken“), ein einsames, gewaltiges Felsenriff, das dunkel aus haushoher Brandung emporstarrt, von kleineren Riffen wie mit Trümmern eines Walles umgeben, so daß weit herum milchweißer Schaum aus den dunkeln Wogen aufzischt. Ein Mahlstrom von Westen nach Osten hält die zürnende Flut in beständiger Bewegung. Im Dunkel der hereinbrechenden Dämmerung sah das prachtvoll aus, wie eine Scene aus dem gewaltigsten Meeressturm. Es war, als müßte das wettergepeitschte Riff dem Andrang erliegen — einsam, schutzlos, der ganzen Wuth des Atlantischen Oceans und aller seiner Stürme preisgegeben; aber ruhig schüttelte es jede neue Woge ab. Es wird sonst auch „Sumbö Steinar“ oder „Sunnböar Steinur“ genannt, und ist unter diesem Namen auf den Karten verzeichnet. Heute ist jedoch nichts mehr davon zu sehen. Es ist seither dem Meere geglückt, den Felsen vollständig zu unterwühlen und für immer in den Wogen zu begraben.

Der „Mönch“