Die Seehunde sind zuerst von Menschen gekommen, welche sich selbst hinabgestürzt und in der See ertränkt haben. Einmal in jedem Jahre, und das ist in der dreizehnten Nacht (Epiphaniasnacht), ist es ihnen gegönnt, aus dem Balg zu schlüpfen, und da sind sie anderen Menschen gleich; sie vergnügen sich da mit Tanz und Spiel nach der Weise der Menschen auf dem Steingrund am Strande und in den Klippenhöhlen.
Nun geht die Sage, dass ein Bursche auf dem südlichen Hofe in Mikladal das gehört hatte, dass die Seehunde in der dreizehnten Nacht in einer Höhle unweit des Hofes zusammenkämen. Er ging daher am Abend hinab, um sich zu überzeugen, ob das wahr sei oder nicht, was von ihnen erzählt wurde. Er versteckte sich unter einem Steine vor der Höhle; nach Sonnenuntergang sah er eine Menge von Seehunden herbeischwimmen; als sie ans Land gekommen waren, fuhren sie aus den Häuten und legten sie auf den Steingrund am Strande ab und nun glichen sie richtig anderen Menschen. Der Mikladalsbursche fand sein Vergnügen daran, sie unter dem Steine, wo er verborgen lag, zu beobachten. Nun sah er ein wunderschönes Mädchen aus einem Seehundsbalg schlüpfen, und ihn fasste gleich Verlangen nach ihr, und er achtete deshalb genau darauf, wohin sie ihr Fell unweit von ihm gelegt hatte. Der Bursche schlich nun heimlich hin, nahm die Haut zu sich und verbarg sich dann wieder unter dem Steine.
– Die Seehunde tanzten und vergnügten sich die ganze Nacht; aber als der Tag zu grauen begann, fuhr jeder wieder in seinen Balg. Aber das Mädchen, das vorher genannt worden ist, fand ihre Haut nicht wieder und ging, suchte nach ihr und begann zu klagen und sich jämmerlich zu härmen, denn da war die Nacht vergangen und die Stunde des Sonnenaufgangs gekommen. Aber ehe sich die Sonne aus dem Meere erhob, bekam sie Witterung von der Haut beim Mikladalsburschen und musste ihr deshalb zu ihm nachgehen: sie bat ihn nun so flehentlich und mit guten Worten, ihr die Haut zurückzugeben, aber er wollte nicht auf sie hören und ging die Schlucht aufwärts nachhause, und sie musste ihm der Haut nach, die er mit sich trug, folgen. Er nahm sie nun zu sich und sie lebten gut miteinander wie andere Ehegatten. Aber er musste immer auf der Hut sein, sie nicht zur Haut kommen zu lassen; er verbarg sie daher in der Kiste, versperrte diese gut und trug den Schlüssel am Leib.
Eines Tages war er ausgerudert, und wie er da draussen auf dem Meere sass und einen Fisch aufzog, kam seine Hand zufällig an den Gürtel, wo der Schlüssel gewöhnlich hing; da fuhr es durch ihn, denn er wurde erst jetzt gewahr, dass der Schlüssel vergessen war, und er rief in Sorge und Schmerz: „Heute werde ich verwitwet!“ Alle zogen ein und setzten sich an die Ruder, um schleunigst heimzurudern. Als der Mikladalsmann nachhause kam, sah er, dass das Weib verschwunden war, aber die Kinder, die sie zusammen hatten, sassen ruhig daheim. Damit ihnen nichts zum Schaden gereichen sollte, während sie allein drinnen sassen, hatte sie das Feuer auf dem Herde verlöscht, Messer und alles Scharfe unter Schloss und Riegel gebracht. Als sie das gethan hatte, war sie zum Strande hinabgesprungen, in die Haut gefahren und hatte sich in die See gestürzt.
Sie hatte den Schlüssel gefunden, als der Mann ausgerudert war, schloss die Kiste auf und sah hier die Haut liegen und konnte sich nicht länger beherrschen. Davon ist das Sprichwort gekommen: „Er kann sich nicht mehr beherrschen als der Seehund, wenn er die Haut sieht.“ Gerade als sie in die See sprang, kam das Männchen, welches früher mit
ihr in Liebe zusammen gelebt hatte, an ihrer Seite auf, und nun schwammen sie beide von dannen; — alle diese Jahre hatte es hier gelegen und auf sein Weibchen gewartet. Als die Kinder, die sie mit dem Mikladalsmann hatte, zum Strand hinab kamen, sah man einen Seehund vor dem Lande liegen und auf sie schauen, und alle dachten, das möchte ihre Mutter sein.
So vergingen viele Jahre danach, ohne dass etwas vom Bauer auf dem südlichen Hofe oder den Kindern des Seehundweibchens zu sagen ist.
Aber so geschah es einmal, dass die Mikladalsmänner auf den Paarungsplatz hinaus wollten, um Seehunde zu schlagen, und die Nacht vorher kam das Seehundweibchen im Traume zum Bauern and sagte ihm, wenn es so geschähe, dass er mit jenen auf den Paarungsplatz ginge, so solle er wissen, dass sie das Männchen, welches vorn vor der Höhle liege, nicht erschlagen dürften, weil das ihr Gatte sei, und die zwei Jungen, welche im innersten der Grotte lägen, müssten sie schonen, weil das ihre Söhne seien, und sie gab ihm an, wie sie gefärbt waren. Aber der Bauer schenkte dem Traume keine Beachtung; er ging mit den Mikladalsminnern auf den Paarungsplatz, und sie erschlugen alle Seehunde, welche dort waren. Bei der Verteilung erhielt der Bauer das ganze Männchen und die Vorder- und Hinterbeine der Jungen. Zum Nachtmahl hatten sie das Haupt, die Vorder- und Hinterbeine gekocht, und als es vorgesetzt wurde, hörte man ein Krachen und grosses Getöse, und das Seehundweibchen kam da als der hässlichste Troll in die Rauchstube, schnupperte in den Trog und rief zornig: „Hier liegt der Alte mit der aufgestülpten Nase, die Hand Háreks und der Fuss Friðriks – gerächt ist und gerächt soll das an den Mikladalsmännern werden, und sollen etliche ertrinken und etliche von den Wänden und in die blauen Klüfte stürzen, und soll das fortdauern, bis so viele dahingegangen sind, dass sie sich an den Händen halten und ganz Kallsoy umspannen können.“ Als sie das gesagt hatte, ging sie wieder mit grossem Getöse und Gepolter hinaus und wurde nicht mehr gesehen. — Es ist leider nicht so selten gewesen, dass man Unglücksnachrichten aus Mikladal gehört hat, dass Männer im Gebirge abgestürzt sind, wenn sie auf die Wände stiegen, um Eidervögel zu fangen, oder in den Bergen Schafen nachgingen; — die Zahl ist noch nicht voll geworden, so dass die, welche abgeschieden sind, genügen würden, Kallsoy zu umspannen.
Bei Skilavik in Sandoy ist ein Paarungsplatz, der „i Bláfellsskúta“ heisst, und über ihn geht dieselbe Sage, welche hier vorher erzählt worden ist.
Trond und Niklas, Vater und Sohn, waren die ersten Menschen, welche hier in der Siedelung „auf der Klippe“ (á Hamri) ein Haus errichteten. Demmus (Nikodemus), der Sohn Niklas‘, ging in der dreizehnten Nacht auf den Paarungsplatz, nahm das Fell, aus welehem ein schönes Weibchen gefahren war, ging heim mit dem Seehundsfell, und das Weibchen folgte ihm auf dem Fusse (andere sagen, dass der Vater Demmus‘ das Seehundweibchen heimbrachte). Er versperrte die Haut in der Kiste und hatte den Schlüssel am Hosengurt befestigt. Eines Tages war er anf der Ausfahrt und hatte andere Hosen angezogen und nicht daran gedacht, den Schlüssel an diesen anzubringen, und so verlor er sein Weib. Als er vom Meere heimkam, stand das Weib als Robbe an dem Klippenrand aussen vor dem Dorfe. Hier in Skálavík werden Leute genannt, welche ihr Geschlecht von dem Seehundweibchen herleiten.