Sigmund überwindet ein Thier.
Nicht weit von dem Hofe lag ein See, und Ulf ging oft dahin, und übte sie im Schwimmen; auch gingen sie aus, um sich im Schiessen zu üben, und lernten das Schiessen: und Sigmund lernte schnell alles, was Ulf verstand, so dass er sehr gewandt in allerlei Künste wurde – so auch Thorer, doch konnte er mit Sigmund sich nicht messen. Ulf war ein grosser und starker Mann, und die Brüder merkten, dass er sehr geübt in allerlei Künsten war. Sie waren nun drei Winter daselbst, Sigmund war damals funfzehn (sic!) und Thorer siebenzehn Winter alt. Sigmund war ein kräftiger Jüngling und schon völlig erwachsen – so auch Thorer; doch war Sigmund ihm in allen Stücken voraus, wiewohl er zwei Jahre jünger war. An einem Sommertage geschah, dass Sigmund zu Thorer sagte: „Was kann es ausmachen, wenn wir auch einmal in den Wald gehen, der hier nördlich vom Hofe liegt?“ Thorer antwortet: „Ich frage nichts danach ihn zu kennen,“ spricht er. „So geht es mir nicht,“ spricht Sigmund, „und ich will dahin gehen.“ „Du magst bestimmen, was wir thun wollen, spricht Thorer, aber wir übertreten das Verbot unsers Pflegevaters.“ Sie machten sich nun auf den Weg, und Sigmund hatte eine Holzaxt in der Hand; sie kamen in den Wald, und auf einen schönen freien Platz; aber wie sie noch nicht lange da gewesen waren, so hörten sie ein grosses Geräusch im Walde, und bald darauf gewahrten sie einen sehr starken und grimmigen Bären. Es war ein grosser Waldbär, grau wie ein Wolf von Farbe. Sie laufen nun den Steig zurück, den sie gekommen waren: aber der Steig war schmal und enge: und Thorer läuft voran – aber Sigmund folgt. Das Thier läuft ihnen nach auf dem Steige, aber der Steig war zu schmal für dasselbe, und die Eichen brachen, wie es lief. Sigmund biegt schnell aus, von dem Steige ab, läuft zwischen die Bäume und wartet, bis das Thier gerade vor ihn kommt. Da nimmt er die Axt mit beiden Händen und hauet gerade zwischen die Ohren des Thiers, so dass die Axt hineindringt; und das Thier fällt nieder, und ist todt, so dass kein Zeichen von Leben da ist. Thorer wurde dieses nun gewahr und sagte: „Dir ward beschieden, Vetter, diese Heldenthat zu verrichten und nicht mir; und das konnte auch nicht anders sein, da ich um vieles dir nachstehe.“ Sigmund sagte: „Nun lass uns versuchen, ob wir das Thier aufrichten können:“ Sie versuchten es, und es gelingt ihnen — biegen mun die Bäume so, dass es nicht fallen kann, stecken ihm einen Keil ins Maul, dass es scheint, als halte das Thier das Maul auf – und darauf gehen sie nach Hause. Und wie sie nach Hause kommen, ist gerade auch Ulf, ihr Pflegevater, vorne auf dem Hofplatz, und er wollte sich gerade aufmachen sie zu suchen. Er war böse, fragte, wo sie gewesen wären. Sigmund nimmt das Wort: „Es ist uns übel gegangen, lieber Pflegevater,“ sprach er, „wir haben deinen Rath übertreten, und der Bär hat uns verfolgt.“ Ulf antwortet: „Ich habe wohl erwartet, dass es so gehen würde, aber ich wünsche, dass er euch nicht öfter so verfolge: es ist jedoch dieses Thier von der Art, dass ich es noch nicht gewagt habe mit ihm anzubinden: nun aber wollen wir es einmahl versuchen,“ sprach er. Ulf kehrt nun um, geht hinein, nimmt einen Spiess in seine Hand und läuft waldein, und Sigmund und Thorer mit ihm. Ult sieht nun den Bären und läuft auf ihn los, durchbohrt ihn mit dem Spiess, und der Bär fällt um. Ulf sieht, dass das Thier schon früher todt gewesen und sagt: „Ihr habt mich zum besten gehabt, und wer von euch hat das Thier erschlagen?“ Thorer antwortet: „Ich kann es mir nicht anmassen, Pflegevater,“ spricht er, „Sigmund ist’s, der das Thier erschlagen hat.“ „Das ist eine grosse Heldenthat,“ spricht Ulf, „und deutet an, Sigmund, dass noch viele andere Thaten darauf folgen werden. Hierauf gehen sie nach Hause, und Ulf hatte von jetzt an noch mehr Achtung für Sigmund als zuvor.