Eine Irrfahrt auf den Färöern – Teil 3/3

M. phil. Carl Küchler

Deutsche Geographische Blätter 1912 (XXXV), Seite 98-108 [FAB-1691]

Ich wollte es, da er jetzt förmlich vor mir herrannte, denn auch meinerseits an nichts fehlen lassen, die verlorene Zeit möglichst einzuholen, so dass ich nach dem kalten Bade in der Skjatlaa bald wieder in Wärme, ja sogar in Schweiß geriet. Auch der Himmel schien ein Einsehen zu haben, da nicht nur der Regen aufhörte, sondern auch der Nebel vor uns sich mehr und mehr lichtete; und links von uns, über dem sich jetzt verengernden Tale drüben, lag sogar ein Schimmer von Sonnenschein an den grauen Felswänden der steilen Höhen, die ich für die südlichsten Ausläufer des nordwärts gelegenen „Krossafelli“ halten musste. Von Steinwarten freilich war nirgends etwas zu sehen; und da wir bei dem steiler und steiler werdenden Anstiege an der rechten Talwand, die wir etwa eine halbe Stunde lang in nördlicher Richtung verfolgten, immer höher gerieten, begann ich doch allmählich wieder irre zu werden und konnte mich der Befürchtung nicht erwehren, dass wir uns vielleicht in das 571 m hohe „Gäsafelli“ versteigen könnten, das nach der Karte südöstlich vom Krossafelli diesem gegenüberliegen musste. Aber mein Führer wollte nichts davon hören und blieb dabei, den Weg zu kennen, bis es mir plötzlich einfiel, ihn zu fragen, wann er denn eigentlich zum letzten Male hier gegangen sei. Seine Antwort, dass das wohl sieben oder acht Jahre her sein könne, vermochte mein Vertrauen zu seiner Führung auch nicht recht wiederzuerwecken; und mit einem Male befanden wir uns, damit das Unglück ja voll werde, aufs neue mitten in den dichtesten Nebelwolken drin, die — wir mochten ihnen nach rechts oder links, bergaufwärts oder abwärts zu entgehen suchen — so feucht und kalt auf uns eindrangen und uns binnen weniger Minuten mit so schwarzer Finsternis umhüllten, dass wir jetzt völlig ratlos standen und in der Tat nicht mehr aus noch ein wussten.

Mein Geleitsmann wollte durchaus nach rechts hin weiter, um einen Berggipfel zu umgehen, der allem Anscheine nach vor oder vielmehr über uns aufsteigen musste, da es von dorther so eisig kalt herabwehte, dass uns nicht nur die Hände erstarrten, sondern wir in unseren völlig durchnässten Kleidern auch am ganzen Körper zu frieren begannen; ich selbst jedoch war der Überzeugung, dass wir wirklich das „Gäsafelli“ vor uns hatten und diesem also nach links hin ausweichen müssten, da der richtige Weg ja nur zwischen „Krossafelli“ und „Gäsafelli“ hindurch führen konnte. Aber da ich dem guten Manne als Eingeborenen doch mehr Ortssinn zutraute als mir selbst und in unserer jetzt wirklich gefährlich werdenden Lage nicht gern die Entscheidung treffen wollte, so liess ich ihm diesmal seinen Willen und folgte ihm nach rechts hin in die Finsternis hinein. Doch statt auf der Höhe zu bleiben, die wir einmal erstiegen hatten, führte er mich ununterbrochen bergab, und zwar so steil, dass wir einer wie der andere mehrere Male ins Rutschen kamen und uns deshalb sofort auf den nassen Boden setzen und an vorstehenden Felsblöcken oder Grasbüscheln festhalten mussten, um nicht weiter zu gleiten, da wir ja keine drei Schritte weit zu sehen vermochten und gar nicht wissen konnten, welche Tiefe sich vor uns auftat.

So ging es etwa zehn Minuten lang in gefährlichster Kletterei bergab. Mit einem Male aber prallte mein Begleiter entsetzt zurück und sprang zugleich einen Schritt zur Seite, mich fest packend und mit sich auf den Boden niederreissend, da unmittelbar zu unseren Füssen ein auch in dem dichten Nebel kohlschwarz erscheinender Abgrund gähnte, in den wir bei einem Haar kopfüber hinabgestürzt wären, — wie tief und wohin, das haben wir zum Glück nicht noch zu erfahren brauchen!

Nun aber war es auch mit seinem Mute vorbei! Und als ich jetzt meinen in der Aufregung der letzten halben Stunde ganz vergessenen Kompass hervorzog, den ich, vor Kälte und Erregung zitternd, nicht einmal in der Hand zu halten vermochte, sondern auf einen Stein aufsetzen musste, um die Nadel einschwingen zu lassen, erkannte ich, dass wir statt nach Nordost schnurgerade südwärts gegangen waren, uns also in der Richtung auf Sandevaag an der Südküste befinden mussten, von wo ich vorgestern westwärts nach Midvaag gewandert war. Die Uhr zeigte bereits über zwölf; wir befanden uns noch mitten im Innern von Vaagö; an der „Öregjov“ wartete man jetzt bereits mit dem Boote auf mich: — was sollte also aus uns werden, und wo würden wir heute noch enden?

Mein Begleiter war jetzt so verzweifelt, dass er überhaupt nicht weiter mit wollte, sondern vorschlug, hier sitzen zu bleiben und abzuwarten, bis sich der Nebel verzöge, und wenn wir bis morgen hier am Bergeshange aushalten müssten. An die Richtigkeit meines Kompasses glaubte er einfach nicht; und da wir die „Öregjov“ einmal nicht mehr zu der festgesetzten Zeit erreichen könnten, so meinte er, sei es besser, vielleicht heute nacht oder morgen nach Sörvaag zurückzukehren. Dabei zitterte seine Stimme und der gute Mann selbst so heftig, dass ich fast die Überzeugung gewann, er glaube an Nebelgespenster oder Elfenvolk, die uns irregeführt hätten; und es bedurfte meiner ganzen Überredungskunst, ihn zu überzeugen, dass wir uns hier in Nebel, Wind und Regen auf den kalten Steinen den Tod holen würden, und ihn zu bewegen, fürs erste einmal mir und meinem Kompass zu folgen.

Ohne ein Wort stand er schliesslich auf und kletterte mit mir den Bergeshang, den wir herabgekommen, wieder empor. Hatten wir aber erst gefroren, so troff uns jetzt der Schweifs von der Stirn, da ich der Magnetnadel nach schnurgerade bergauf hielt, mochten die Hänge noch so steil, die zu erkletternden Felsblöcke noch so zackig scharf und das spärliche kurze Gras noch so schlüpfrig sein, so dass wir wiederholt auf die Kniee fielen und streckenweise emporrutschen oder uns an Felszacken emporziehen mussten. Denn ich wollte um keinen Preis auch nur um Haaresbreite wieder von der nordöstlichen Richtung abweichen, die allein die richtige sein konnte, da ich gestern morgen noch im Kontore des Kaufmanns Rasmus Niclasen in Midvaag die dort hängende grosse Generalstabskarte von Vaagö eben dieses Weges wegen so eingehend studiert hatte, dass ich genau wusste, dass die „Öregjov“ mit dem Kompass in scharf nordöstlicher Richtung von Sörvaag aus unbedingt erreicht werden musste. Mochten wir deshalb bis auf den Gipfel des Berges klettern und drüben wieder ebenso steil hinunter müssen, ich war entschlossen, nicht wieder nachzugeben. Durch Dick und Dünn sollte es jetzt schnurgerade vorwärts gehen, wenn wir nur erst den verwünschten Berg überwunden hätten und drüben nicht wieder auf Abgründe und Schluchten stiessen, die uns freilich alles weitere Vordringen unmöglich gemacht und uns schliesslich doch zum wer weiss wie langen Kampieren in dieser Felsenwildnis genötigt haben würden.

Keuchend und in Schweiß gebadet, bis auf die Haut durchnässt und von oben bis unten beschmutzt, mit zerschundenen Händen und zitternden Knieen langten wir endlich nach ein Uhr mittags auf einem Hochplateau an, das von zertrümmertem Gestein und dazwischen wachsendem, auffällig dichtem und weichem gelben Moose bedeckt war, in das wir tief einsanken. Wo wir waren, und wie hoch wir uns befanden, war unmöglich zu wissen. Der Nebel war auch hier so dicht, dass wir kaum um eines Schrittes Breite voneinander weichen durften, um nicht einer den anderen zu verlieren. Und auch zum Verschnaufen war hier nicht der Ort, da dort oben ein eisiger Wind wehte, der uns, glühend heiss wie wir waren, durch Mark und Bein ging, so dass uns die Zähne aufeinanderschlugen und ein Fieberschauer durch meinen Körper ging, der mich schon ahnen liess, was die unausbleibliche Folge dieses entsetzlichen Marsches sein würde. Darum mussten wir, um nur einigermassen warm zu bleiben, unaufhaltsam weiter; und wenn es auch ununterbrochen bergab ging, so war der Abstieg doch nicht allzu steil, und wir konnten vor allen Dingen, ohne auf ein Hindernis zu stossen, die eingeschlagene Richtung nach Nordost beibehalten, die uns, wenn vielleicht auch nicht direkt an die „Öregjov“, so doch schliesslich einmal an den Vestmannasund gelangen lassen musste.

Und der Himmel war uns gnädig, und mein Kompass und die Generalstabskarte behielten recht!

Nach nicht viel mehr als einer Stunde — ich wollte kaum meinen Augen trauen und habe einen Jubelruf ausgestossen, den man wohl bis Strömö hinüber gehört haben muss, — traten wir plötzlich aus dem Nebel, der uns stundenlang so dicht umfangen und gleichsam mit Blindheit geschlagen hatte, oberhalb einer nicht zu hohen Felswand hinaus ins Freie: — tief unter uns lag der blaue Vestmannasund im Sonnenschein, jenseit dessen die völlig nebelfreie grünschimmernde Küste von Strömö steil emporstieg; ein weites Wiesenland dicht unter der Felswand vor uns erstreckte sich bis hinüber an die wohl 100 m hohe steile westliche Felswand einer tiefen Schlucht, die vom Meere herauf weit in das Innere von Vaagö hineinzuschneiden schien und keine andere als die gesuchte „Öregjov“ sein konnte!

Das Wunderbarste — mir gleichsam Glück Verheissende — aber war ein prachtvoller Regenbogen, der in glänzenden Farben wie ein gewaltiges Tor mitten auf dem Wiesengelände zu unseren Füssen vor uns stand, und unter dessen herrlicher Wölbung wir hindurchmussten, um an die Schlucht hinüber und damit hinunter an den Vestmannasund zu gelangen, wo ich ja nun bald erfahren würde, ob das Boot von Vestmanhavn all die verlorenen Stunden treulich auf mich gewartet hatte oder wieder davongefahren sei, so dass ich; ob ich nun wollte oder nicht, mit meinem Dummrian von Führer doch wieder umkehren und den Rückweg nach Sörvaag hätte antreten müssen.

So rasch es ging, kletterten wir die Felswand hinunter; im Laufschritte eilten wir über die von fast kniehohem feuchten Grase bestandene Wiese auf den Regenbogen zu, der sich plötzlich gleichsam vor uns senkte und auf die Wiese selbst lagerte, um dann mit einem Male verschwunden zu sein; und kaum eine Viertelstunde später standen wir an der tiefen Schlucht, die wir an ihrem östlichen Rande talab verfolgten, bis wir endlich eine Stelle fanden, wo wir in sie selbst hinabklettern konnten. Und wirklich, da unten an ihrem breiten Ende, wo der Giessbach, von dem sie durchströmt ward, in den Vestmannasund stürzte, lag ein Boot am Strande, an dem zwei Männer zwischen den Felsblöcken umherkletterten, die keine anderen als die von Kaufmann Reinert in Vestmanhavn abgesandten sein konnten, also doch fast drei Stunden lang ausgeharrt und treulich auf mich gewartet hatten!

Nun war ich aller Sorge ledig. Der arme Bursche, der jetzt allein nach Sörvaag zurück musste, — weiss der Himmel, wie er sich durch den Nebel da oben zurückgefunden haben mag, — erhielt, so sehr er sich in seiner Verlegenheit über seine missglückte Führung auch weigerte, die paar Kronen anzunehmen, mit Freuden seinen Führerlohn und die sämtlichen noch übrigen Butterbrote Joen Rasmussens zur Wegzehrung. Und ehe er noch die „Öregjov“ wieder emporgeklettert war, sass ich schon im Boote bei den beiden „Westmännern“, die ebenso froh waren, mich gefunden zu haben und nach dem stundenlangen Warten wieder heimkehren zu dürfen, wie ich selbst dem Himmel dankte, dass ich dieser Irrfahrt durch das wilde Innere von Vaagö noch so glücklich mit heiler Haut entronnen war!