Eine Irrfahrt auf den Färöern – Teil 1/3

M. phil. Carl Küchler

Deutsche Geographische Blätter 1912 (XXXV), Seite 98-108 [FAB-1691]

Weit draussen im Nordatlantischen Ozean — zwischen 61° 26′ bis 62o 25′ nördl. Br. und 6° 19′ bis 7° 40′ westl. L. v. Gr. — liegen einsam und weltverloren die trotzigen kleinen Felseneilande der Färöer, winzige Überreste einer heute zum weitaus grössten Teile ins Meer versunkenen breiten Landbrücke, die sich in der Tertiärzeit von Irland und Schottland im Südosten bis hinauf nach Island und Grönland im Nordwesten erstreckte und die Verbindung zwischen Europa und Amerika darstellte.

Diese Ländermasse, ein vulkanisches Hochland von mindestens 3 — 4000 m Höhe ü. M., ward durch eine infolge der voraufgegangenen grossen vulkanischen Perioden eintretende allmähliche Senkung unter Mitwirkung der gleichzeitigen Abrasion wieder zerstückt, so dass einzelne getrennte Länder — wie das ferne Island, so eben auch die heutige Inselgruppe der Färöer, die zunächst noch ein zusammenhängendes Ganzes gebildet haben muss, — geschaffen wurden.

Durch die Wirkung hauptsächlich der Erosion ist dieses zusammenhängende Plateauland, das damals noch bedeutend höher und auch umfangreicher gewesen sein muss als die heutigen Färöer, in einer präglazialen Zeit durch Täler, Fjorde und schliesslich Sunde zerschnitten worden. Die Gletscher der Eiszeit, in der die Färöer den in fast allen Richtungen von ihnen ausstrahlenden Schliffen und Schrammen zufolge durchaus eine lokale Eisdecke gehabt haben, meisselten diese Erosionsrinnen der Tertiärzeit weiter aus. Die fernere Arbeit der atmosphärischen Kräfte, hauptsächlich des Meeres, in der postglazialen Zeit schuf die weiteren talförmigen Senkungen, Klüfte und Schluchten; die eigentümlichen, für die Färöer so charakteristischen riesenhaften Felsterrassen, die durch Einsturz der über den leichter verwitternden Tuffschichten lagernden Basaltbänke entstanden: die zahlreichen in die Küste eingegrabenen Höhlen: die durch Untergrabung der Küstenlinie und jähen Absturz der darüberliegenden Felsmassen entstandenen gewaltigen senkrechten Felswände namentlich an der West- und Nordseite der Inseln; und endlich die merkwürdigen isolierten, bisweilen lotrechten Klippen, die sich in nächster Nähe der Inseln hier und da aus dem Meere erheben: Marksteine der früheren, jetzt zertrümmerten und in den Fluten verschwundenen Küstenlinie.

Diese fern da droben inmitten der brandenden Wogen des Nordatlantischen Ozeans weltabgeschieden liegenden eigentümlichen Färöer, die uns aus unserem Schulatlas nur als kleine schwarze Pünktchen inmitten des weiten Blaues des Weltenmeeres in der Erinnerung stehen, bildeten für mich im Sommer 1911 das Ziel einer neuen Forschungsreise. Von der Landeshauptstadt Thorshavn auf der Hauptinsel Strömö aus, wo mir ein ebenso herzlicher Empfang bereitet worden war, wie man mich von allen Seiten aufs liebenswürdigste in meinen Reisevorbereitungen unterstützte, durchwanderte ich am 11. Juli in Begleitung des Überlandpostboten zunächst das wilde Innere von Strömö von Südost nach Nordwest; liess mich von der Westküste Strömös im Postboote über den herrlichen Vestmannasund nach dem westlichen Schwestereilande Vaagö übersetzen; und durchzog auch dieses noch an demselben Tage von Nord nach Süd bis nach dem an dem prächtigen Midvaagsfjord malerisch gelegenen kleinen Fischerneste Midvaag an seiner Südostküste. Meine weitere Fusswanderung am 12. Juli führte mich durch Vaagö westwärts an das schöne Sörvaagsvand, den grössten Binnensee der gesamten 18 Eilande der Färöer, den ich in einem gebrechlichen Boote überfuhr, und weiter nach Sörvaag am Sörvaagsfjord im äussersten Westen, wo ich die Weiterreise für diesen Tag aufgab, um einer Einladung meines freundlichen Gastgebers, des Kaufmanns Joen Rasmussen, zu einer Vogeljagd auf dem vor der Mündung des Sörvaagsfjordes gelegenen kleinen Klippeneilande Tindholm Folge zu leisten.

So prächtig sich diese Jagdfahrt nach dem von Tausenden und Abertausenden von Seepapageien, Lummen, Alken, Dreizehenmöven u. a. Seevögeln wimmelnden Tindholm mit seinen himmelhohen steilen Felswänden und dem herrlichen Blick von deren Höhe auf das offene Weltmeer gestaltete, und so interessant der ganze sonnenklare Tag für mich verlief, so bitter sollte ich es doch am nächsten Tage — einem unglücklichen „13.“ — empfinden, dass ich den Weitermarsch verschoben und meinen Reiseplan nicht genau so eingehalten hatte, wie er ursprünglich festgelegt worden war, da ich infolge plötzlichen Wetterumschlags und eines nur wenig zuverlässigen Führers in eine Lage geriet, die leicht verhängnisvoll hätte werden können.

Weniger verheissungsvoll, ja geradezu ungünstiger für einen Marsch durch das von den Bewohnern des Landes selbst nur selten betretene gebirgige und gänzlich unbewohnte Innere von Vaagö konnte das Wetter kaum sein, da ich am folgenden Morgen beim Erwachen nicht nur den Regen gegen die Fenster peitschen, sondern auch den Wind um das Haus pfeifen hörte, so dass ich es bereits ernstlich zu bereuen anfing, nicht doch noch gestern nachmittag weitermarschiert zu sein, um sowohl die Nordküste von Vaagö wieder zu erreichen wie mich nochmals über den Vestmannasund nach Strömö übersetzen zu lassen, wo ich von Vestmanhavn aus bis nach der äussersten Nordspitze Strömös hatte ziehen wollen. Da drüben konnte das Wetter ja ganz anders sein als hier im äussersten Westen am offenen Ozean; und ich hätte heute vormittag vielleicht schon vergnügt nach Nord-Strömö unterwegs sein können, statt hier nun erst nach jemandem suchen zu müssen, der es wagte, mich in dem Unwetter durch die gewiss auch droben im Gebirge ebenso fest wie hier unten hängenden Nebel auf Gott weiss was für gefährlichen Steigen bis an den Vestmannasund zu geleiten. Denn es war vollkommen ausgeschlossen, dass ich, wie ich es bei dem gestrigen schönen Wetter mit meinen vorzüglichen Karten und dem Kompass wohl hätte erzwingen können, in diesem Nebeltreiben den Weg über das Hochgebirge und durch die weiten Täler, die ich zu durchqueren hatte, allein finden konnte; und auch mein Gastgeber Joen Rasmussen, der gleich mir schon seit früh sechs Uhr auf den Beinen war, um nach dem Wetter Ausschau zu halten, erklärte es für durchaus notwendig, dass ich jemanden mit mir nähme, der den Weg aufs genaueste kenne.

Aber darin eben lag die grosse Schwierigkeit, in der es zunächst Rat schaffen hiess! Ganz Sörvaag war, wie ich bereits gestern zu bemerken glaubte, sozusagen ausgestorben, da sich fast alle Männer des kleinen Fischernestes seit zwei Tagen draussen auf See auf dem Dorschfange befanden; und den wenigen Alten sowie den für die Gefahren der Hochseefischerei noch zu jungen Burschen, die daheim geblieben waren, traute Joen selbst nicht recht zu, dass sie mich sicher bis an die Nordküste führen könnten. Ganze zwei Stunden lang sprengte er deshalb seine beiden Geschäftslehrlinge in dem Orte umher, um Haus für Haus nachfragen zu lassen, ob mich wohl jemand für Geld und gute Worte über die Berge nach dem Vestmannasund bringen wolle; und endlich gegen neun Uhr kehrten sie mit einem zwar gutmütig aussehenden, mir aber auf den ersten Blick etwas stupid erscheinenden Manne im Alter von etwa dreißig Jahren zurück, welcher behauptete, schon dreimal durch das Innere der Insel nach der „Öregjov“, einer tiefen Felsschlucht am Vestmannasund, gewandert zu sein, von der er sich im Boote nach Vestmanhavn habe abholen lassen, wo er beim Arzte zu tun gehabt habe. Da der gute Bursche versicherte, den rechten Weg auch im Nebel finden zu können, und ausser ihm eben kein Mensch weiter aufzutreiben war, der den Weg überhaupt kannte, so vertraute ich mich ihm denn an, in der Hoffnung, in höchstens drei Stunden glücklich am Vestmannasund zu sein. Joen Rasmussen telephonierte an den Kaufmann Reinert in Vestmanhavn, an den ich ein Empfehlungsschreiben aus Thorshavn in der Tasche trug, doch gegen zwölf Uhr mittags ein Boot nach der „Öregjov“ zu schicken, das mich von dort nach Strömö abhole. Und so konnte ich noch kurz nach neun Uhr nach herzlichem Abschiede von der liebenswürdigen Kaufmannsfamilie, bei der ich so viel Gutes genossen hatte, mit meinem Führer aufbrechen und das bald im Nebel hinter mir verschwindende Sörvaag wieder verlassen.