Ein Tag in Thorshavn – Teil 1/2

Edmund Zoller

Ausland 1856 (29), Seite 265-268 [FAB-3448]

„Kommen Sie jetzt herauf, Sie können die Färöer sehen!‘ rief der Steuermann zu uns in die Cajüte hinab, wo wir gerade unser solides Frühstück in Gesellschaft des vortrefflichen, heiteren Capitäns verzehrten, der mit ächt dänischer Seemannslaune uns die ziemlich lange Fahrt über die Nordsee verkürzt und durch seine derben Witze manches Gelächter hervorgerufen, wenn sich eine ernstere Stimmung unserer bemächtigen wollte. Wir legten Messer und Gabel weg und eilten auf das Verdeck. Leewärts lag ein hoher, schwarzgrauer Felsen, an dessen Fuß die Wogen sich heftig brachen, wir konnten deutlich das hohle Brausen der Brandung aus der ziemlich weiten Entfernung hören, obwohl der Wind gewaltig in den Tauen und Segeln wühlte, und das Geräusch an Bord unsres Schooners nicht gering war. Der Felsen, den wir gewahrten, war Skalahövdi, ein Gebirgsvorsprung auf Sandö, einem der ersten Punkte, die man sieht, wenn man sich den Färöern von Südost nähert. Die See ging sehr hoch, da wir in der Nacht steife Kühle gehabt, die uns in ungewöhnlich kurzer Zeit von Shetland herübergebracht, und das Schiff tanzte an den thurmhohen Wellen lustig auf und nieder. Die Luft war dick und schwer, und das Wetter glich im ganzen einem lieblichen Octobertag, obgleich wir uns am Schlusse des Julius befanden; große Möven kamen mit Einladungen vom Lande nach dem Schiffe, und Schaaren von Lomviern und Larventauchern flatterten im untern Kiel; diese Vögel sind Tagdiebe, die umherschwimmen und faullenzen, während ihre fleißigeren Verwandten mit der Besorgung ihres Hauswesens und dem Ausbrüten der Eier beschäftigt sind.

Unser geschätzter Reisecamerad, der noch nie aus Dänemark hinausgekommen, meinte, das sey ja ein abscheuliches Land, dem wir uns näherten, und wenn er die Macht gehabt, wie er den Willen hatte, er würde sicher: „Klar, zum Wenden, Ruder leewärts!“ commandirt haben. Und wir hätten den Steven wieder nach Seeland gekehrt. Glücklicherweise stand ein anderer am Ruder, glücklicherweise auch für unsern dänischen Freund, denn er wäre ja sonst mit völlig falschen Vorstellungen von diesem kleinen Felsenland in der Nordsee, das man selbst in Dänemark so wenig kennt, in die Heimath zurückgekehrt. Nach und nach bekamen wir mehr von dem Lande zu sehen, und die grünen Bergabhänge von Naalsö boten bereits einen freundlicheren Anblick, denn Skalahövdi, als wir durch Naalsöfjord nach Thorshavn steuerten. Endlich warfen wir Anker und verteüten das Schiff an den Eisenringen, die an mehreren Orten in den Felsen angebracht sind, da Thorshavn gerade nicht immer der sicherste und ruhigste Hafen ist, wenn der Südostwind die Wogen an die Küste treibt oder der Nordwind über die Berge herabsaust. Unser dänischer Freund steht mit gekreuzten Armen und weitaufgerissenen Augen auf dem Verdeck und betrachtet die Bucht, die vor uns liegt, und die Leute die sich auf Sand und Felsen umhertreiben oder in ihren Booten zum Schiff heranfahren. Ich glaube kaum daß er mehr gestaunt wenn er nach Otaheiti gekommen wäre. „Soll das eine Stadt seyn, diese schwarzen Holzhäuser, die dort durcheinander liegen?“ Ja, das ist die Hauptstadt der Färöer, die ihren Namen von dem starken Donnergotte des Nordens hat, eine uralte Stadt, deren Entstehung in die graue Vorzeit fällt, als die Väter sich hier zu den Thingen versammelten und manche große That verrichteten, aber auch manche Schandthat sich zu Schulden kommen ließen. In einem hübschen kleinen „Firemandsfarer“ (Boot mit vier Rudern) ruderten wir ans Land auf einige große Steine zu, die mit grünem Seegrase bewachsen sind, das „Bandhinde“ heißt und sehr glatt ist; einer von unsern Färingern springt jedoch rasch hinauf und führt uns ruhig und sicher über ein schmales Brett, das von den niederer liegenden Steinen auf ein hervorspringendes Felsenstück weiter oben führt. Auf diese Weise kommen wir nach dem höher liegenden Theile der Stadt, wo wir sogleich in einen Hof treten, der von hölzernen Häusern umgeben ist. In der offenen Thüre steht ein Mann und grüßt uns mit einem herzlichen: gódan dàg, vàl komin, valsignadur! (Willkommen, guten Tag, Segen über Euch). Im Hofe und auf den Dächern sind eine ungeheure Menge Katzen. Unser liebenswürdiger Wirth führt uns in ein hübsches Zimmer, wo wir unser Quartier haben sollen. Es ist sehr hoch, mit einem sauberen Bett und hübschen Stühlen und einem Tische versehen, und von dem Fenster hat man die entzückendste Aussicht über Osterö, Naalsösfiord, Naalsö und die große Nordsee. Wir stellen unsere Sachen in Ordnung und machen es uns bequem, bis unsre freundliche, geschäftige Wirthin daS Mittagessen bereitet hat, denn nach Tische wollen wir uns in der Statt um sehen und eine Tour auf die Berge in der Nähe machen, da das Wetter sich in Hellen, klaren Sonnenschein verwandelt hat und das Meer so blank wie ein Spiegel geworden ist. Unsere erste Mahlzeit auf den Färöer ist vortrefflich, ganz zufriedenstellend für einen guten Magen! wir begaben uns heileren Geistes auf den Weg, um die Stadt in Augenschein zu nehmen. Die Straße wo wir wohnen, ist ausgezeichnet gut von unsrem Herrgott gepflastert, denn der harte Steinboden ist beständig trocken und gut zu begehen; so sind alle Straßen, aber Richtung und Breite sind freilich im höchsten Grade verschieden, indem die eine Straße hoch liegt, die andere tief unten am Strande hinführt, die eine breit, die andere so schmal ist daß kaum zwei Menschen neben einander gehen können. Als wir die Straße, in der wir wohnen, ein Stück entlang gegangen waren, wandten wir uns nach rechts und schlugen nun einen ziemlich steilen Weg nach der schmalsten Gasse der Stadt, welche „Gángin“ hieß, ein. Diese führt durch eine Brücke nach dem Theile der Stadt hinüber welcher auf der andern Seite des Flusses liegt, welcher „Havanará“ heißt. Dieser Theil der Stadt ist nicht so groß als der andere, aber wir finden dort verschiedene ansehnliche Häuser, z. B. die Amtmannswohnung, die auf der Höhe liegt, mit einer schönen Aussicht über die See, und von hier führt auch ein schöner Spaziergang an der östlichen Seite (Oestrevaag) der Thorhavnsbucht nach der Schanze. Diese kleine Festung wurde von Magnus Heineson angelegt, welcher am Schlusse des 16ten Jahrhunderts, ein kühner Seemann und eingeborner Färinger, den Befehl erhalten, die Färöer gegen die heutigen Seeräubereien zu beschützen. Die Schanze hatte jedoch keinen großen Nutzen, im Jahre 1808 wurde sie von einem englischen Kriegsschiff vollständig zerstört und die Kanonen in die See geworfen, ohne daß der dänische Amtmann einen Schuß abzufeuern gewagt. Jetzt hat man wenigstens den Vortheil von der Schanze daß man einen hübschen Spaziergang auf ihr machen kann, und der Amtmann, welcher Commandant ist, hat eine Anzahl junger Jäger zu Befehl, welche droben Dienst thun sollen, aber auch als Ruderer benutzt werden, ja bisweilen zu häuslichen Verrichtungen sich herbeilassen muffen. Die Häuser in Thorshavn sind wie überall auf den Färöer von Holz, außen getheert und meist mit Rasen bedeckt. Wenn man sich etwas an diese kleinen Häuser gewöhnt hat, so findet man sie sehr nett, und das grüne Dach, das mit Feldblumen geschmückt ist, bietet einen so freundlichen Anblick daß man nothwendig seine Freude daran haben muß. Drinnen in den Häusern muß man sich immer wohl befinden, da es dort lustig und traulich zugeht, und man überall gut aufgenommen wird. Aber dieß gilt freilich mehr vom Lande als von Thorshavn, denn die Bewohner von Thorshavn sind zum großen Theil arme Fischer und Tagelöhner, deren Wohnung dunkel und voll Rauch, auch gegen Regen und Wind gar nicht geschützt ist. Die Rauchstube das ächt färöische Gemach, trifft man jetzt nur selten noch in Thorshavn; es ist eine lange Stube, mit Lehmboden, ohne Decke, aber oben im Dache befindet sich eine viereckige Klappe zum Auf- und Zuschieben, sie heißt „Ljóvari“ und durch sie und die offene Thüre geht der Rauch hinaus, wie das Licht allein auf diesem Wege hereinkömmt, da die Stube keine Fenster hat. Am Ende der Stube ist ein Feuerherd von Stein (Grúgva, auf dänisch „Gru,“ Grukjedel), und auf den Seiten sind die Betten in der Wand angebracht; die schwarze Eisenlampe hängt mitten in der Stube von der Höhe hergb. Du schauerst, mein lieber Leser, und denkst, es müsse dieß denn doch ein unbehaglicher Aufenthaltsort seyn, ungesund, lungen- und augenverderbend; aber ich kann Dich versichern, daß die Leute, die in diesen Rauchstuben geboren sind, mit dem Sturme um die Weite schreien können, und den Wallfisch im Meere eine Viertelstunde früher erkennen, als Du nur den kleinsten Punkt siehst. Und wenn nun an Winterabenden alle Bewohner des Hauses, jeder mit seiner Arbeit, beschäftigt ist, da ist auch Leben in der Rauchstube, denn die Spinnräder surren und die Karden schnarren, und es ist unendlich hübsch in der Rauchstube, wenn der alte bärtige Mann mit dem weißen Haare alte Sagen erzählt und der Schein der Lampe die braunen blühenden Männer- und Frauengesichter erleuchtet, die mit gespannter Aufmerksamkeit zuhören.