Die Los von Dänemark-Bewegung auf den Faeroer-Inseln

Der Bund 1928 (66), 09.02.1928 Ausgabe 2, Seite 1 [FAB-1845]

as. Kopenhagen, Anfang Februar.

Die in diesen Tagen vorgenommenen Wahlen zum „Lagting“, der Nationalvertretung der Faeroerinsel-Bewohner, brachten den Vorkämpfern der faeroerischen Selbständigkeitsbewegung einen namhaften Sieg ein. Bekanntlich bilden die Faeroerinseln einen dänischen Regierungsbezirk; die Inseln genießen indessen einen gewissen Grad von Autonomie in Sachen der inneren Verwaltung, diese Autonomie wird durch das „Lagting“ ausgebüt, welches in der Hauptstadt Thorshavn seinen Sitz hat. Es waren bisher im Lagting nur zwei Parteien vertreten, und zwar die Unionspartei – die sog. „Sambandspartei“ -, welche die politischen Bande, durch welche die Inseln mit Dänemark verknüpft sind, nicht in nennenswertem Grade zu lockern wünscht, und die Selbständigkeitspartei – die sog. „Selvsttyrepartei“ -, die fürs erste eine erhebliche Erweiterung der faerörischen Autonomie verlangte. Von sämtlichen Sitzen im Lagting verfügen die Unionsleute bisher über 13, die Selbständigkeitsleute über 10. Dae (sic!) Mandatzahl der Unionisten ist nunmehr auf 10 gesunken, diejenige der Selbständigkeitsleute dagegen auf 11 gestiegen; überdies wurden zwei sozialdemokratische Vertreter gewählt, von denen man erwarten kann, daß sie in bezug auf das politische Verhältnis der Insel zu Dänemark mit den Selbständigkeitsleuten gemeinsame Sache machen werden. Der Sieg der Selbständigkeitspartei dürfte in der Hauptsache eine Folge der steigenden Unzufriedenheit der Inselbewohner mit der Finanz- und Wirtschaftspolitik Dänemarks sein. Insbesondere ist man auf den Faeroerinseln darüber verstimmt, daß Dänemark nicht in ausreichender Weise um die Interessen der für das Gedeihen der Inseln so bedeutsamen Fischerei besorgt sei. Das Verlangen nach größerer politischer Selbständigkeit Dänemark gegenüber wird dadurch gestärkt. Eine linksstehende Gruppe der Selbständigkeitspartei arbeitet unter der Führung des energischen Freiheitspolitikers Patursson ganz offen dafür, den Boden für eine künftige Lostrennung der Faeroerinseln vom dänischen Mutterlande vorzubereiten.

Wenn auch die „Los von Dänemark-Bewegung“ noch nicht für das politische Programm der ganzen Selbständigkeitspartei maßgebend geworden ist, so ist man anderseits in Dänemark darüber nicht im unklaren, daß die Losreißungsbeweung im Wachsen begriffen ist und mit der Zeit einen recht gefährlichen Umfang annehmen wird. Viele dänische Politiker weisen deshalb auf die dringende Notwendigkeit hin, den Faeroerinseln gegenüber eine Wirtschaftspolitik zu befolgen, wodurch der Unzufriedenheit eines großen Teils der Inselbewohner erfolgreich entgegengearbeitet werden könne.

Es fragt sich übrigens sehr, ob die Faeroerinseln mit ihren nur 30,000 Einwohnern die wirtschaftliche Widerstandskraft haben, ohne welche die Gründung eines selbständigen Inselstaates, etwa nach dem Muster Islands, nicht gut denkbar wäre. Vielleicht wird das Faeroerinsel-Problem dereinst in der Weise seine Lösung finden, daß eine Art dänischen Imperiums gegründet werden wird, innerhalb dessen sowohl Island als die Faeroerinseln etwa die Stellung von „Dominien“ nach britischem Vorbild einzunehmen hätten. Ohne an einem größeren Staatengebilde Rückhalt zu haben, dürften jedenfalls die Faeroerinseln kaum als politisch lebensfähig anzusehen sein. Sie waren in alten Zeiten ein Teil von Norwegen. Das Interesse der norwegischen Nationalisten für die auf den Faeroerinseln um sich greifende antidänische Bewegung wird dadurch erklärlich.