Johan Christian Henrik Fischer
Journal für Ornithologie 1861 (9), Seite 14-16 [FAB-0758]
Es geschieht, ich gestehe es, nicht ohne grosses Bedenken, dass ich mich bei dem ornithologischen Publikum durch die Anmeldung einer neuen Art, und oben drein einer neuen europäischen Art introducire; denn ich habe so manchen Versuch der Artenmacherei scheitern, und nur die kärgliche Frucht eines gewissen Namens zur Plage für das Gedächtniss und zur Vermehrung der schon mehr als hinlänglich grossen Verwirrung in den Artnamen tragen sehen, dass ich höchst ungern auch meinestheils einen Beitrag dazu liefern möchte. Nichts desto weniger nehme ich mir hiermit die Freiheit den Herren Ornithologen Troglodytes borealis vorzustellen.
Wir sind seit ein paar Jahren im Besitze von aus den Faröern bezogenen Troglodytes-Eiern gewesen, die sich in hohem Grade durch ihre Grösse und kräftigere Zeichnung kenntlich machen, während sie im Uebrigen durchaus das eigentümliche Gepräge der Eier des gewöhnlichen Zaunkönigs an sich tragen. Dass diese Eier wirklich einem Troglodytes müssen angehören, ist nicht bloss mit Sicherheit aus der Angabe des Herrn Hardesvogt Müller, eines ebenso sachkundigen als zuverlässigen Mannes, der sie hieher gebracht hat, zu schliessen, sondern auch aus dem Umstande, dass auf der ganzen Gruppe der Faröer sich kein anderer Vogel findet, von dem möglicher Weise anzunehmen wäre, dass er solche Eier legen könnte. Bekanntlich gehört es nicht zu den Seltenheiten, dass Eier aus dem höhern Norden bedeutend grösser sind, als Eier desselben Vogels aus anderen Gegenden. Ich besitze
z. B. ein Ei des Totanus calidris aus Island, das ungefähr dieselbe Grösse hat, wie die Eier des Totanus glottis aus Lappland, die wir durch Herrn Newton aus der Wolleyschen Sammlung erhielten; aber ähnliche Abweichungen gelten doch nicht von allen Eiern der Art, in jedem Falle nicht in so bedeutendem Grade, während die Verschiedenheit bei dem faröischen Troglodytes sich ebenso constant als merklich gross erwies.
Nach einer genauen Messung mehrer Eier kann ich die Länge derselben zu 8½ à 8⅔“‘ und ihre Breite zu 6⅓ à 6½“ angeben. Das dänische Fussmass entspricht ganz dem rheinländischen. Vergleicht man damit das Ei des Troglodytes europaeus, so findet man, dass der Unterschied des Kubikinhalts der Eier sich wie 2:3 und 4:7 verhalte. Diese Verschiedenheit ist manchmal der Gegenstand des Gesprächs zwischen mir und meinen hiesigen ornithologischen Freunden, dem Herrn Kammerrath Erichsen und Pastor Theobald gewesen, die mit mir vermutheten, dass der faröische Troglodytes eine eigene Art sein müsse. In jedem Falle war die Abweichung so gross, dass die Sache eine nähere Untersuchung verdiente. Dazu musste man Exemplare des Vogels haben; aber das war keine so ganz leichte Sache. Theils nämlich ist der Vogel auf den Inseln nicht gar häufig, theils sehen es die Bewohner nicht gern, dass man ihn tödtet. Ausser dem Staare ist er nämlich der einzige Hausvogel der Färinger; denn es finden sich dort keine der übrigen Vögel, z. B. Sperlinge, Schwalben, Störche, die zutraulich ihr Nest in oder an den Wohnungen der Menschen anbringen, und die Färinger lieben überdies das muntere und sanglustige Wesen des Vogels. Endlich habe ich nun doch ein Exemplar, aber auch nur eins erhalten, welches überdies nicht ganz vollständig ist, da ihm einige Schwanzfedern und Schwanzdeckfedern fehlen; inzwischen zeigt sich hier eine so grosse Abweichung von dem Troglodytes europaeus, dass ich nicht unterlassen kann, das Nähere darüber mitzutheilen.
Was zunächst in die Augen fällt, ist, dass man hier einen um ein Bedeutendes grösseren Vogel vor sich hat; sowohl das Mass, welches auf den Faröern von der Länge des Vogels vor seiner Ausstopfung genommen wurde, als auch die Untersuchungen, die ich nun mit ihm anstellen kann, stimmen darin überein, dass der Unterschied etwa einen halben Zoll ausmacht: seine Länge beträgt nämlich zwischen 4“ 5“‘ und 4“ 6““, während die Länge des Troglodytes europaeus zwischen 3“‘ 11“‘ und 4“ beträgt. Von dieser Grössendifferenz fällt die Hälfte auf den Schwanz. Wie schon bemerkt, fehlen mehre Steuerfedern desselben und namentlich die mittelsten; aber die noch vorhandenen zeigen eine weit stärkere Entwickelung und haben eine Länge von 1“ 6“‘, während der Schwanz des Troglodytes europaeus nur 1“ 3“‘ misst. Der Schnabel ist bei beiden ungefähr gleich lang, aber hier weit stärker, und während derselbe bei Troglodytes europaeus mit ziemlich schroffem Uebergange vom Kopfe wie eine etwas gebogene Pfriemenspitze vortritt, ist der Schnabel hier vielmehr ziemlich dick zu nennen an der Wurzel, und tritt vom Kopfe als eine Verlängerung vor, ohne plötzlichen Uebergang. Dies zeigt sich zumal beim Unterkiefer. Die Höhlung, in der die Nasenlöcher liegen, ist weniger tief als bei Troglodytes europaeus; die Beine sind ungleich stärker, ungefähr wie die Beine der Fringilla montana.
Die Längenverhältnisse werden sich aus folgender Zusammenstellung ergeben:
Troglod. europaeus: ……. Troglod. borealis:
Hinterzehe = 4“‘ ……. = 4½“‘
Mittelzehe = 5¾“‘ ……. 7¼“‘
Tarsus = 9“‘ ……. 10½“‘.
Die Farbe der Beine ist dunkler, die Nägel sind braun.
Dazu füge ich noch die Länge der zusammengelegten Flügel, die bei Troglodytes europaeus 1“ 10½“‘, hier 2“ ½“‘ beträgt. — Die Farbe ist im Ganzen ziemlich übereinstimmend (wobei zugleich berücksichtigt werden muss, dass dieselbe auch bei Troglodytes europaeus nicht so wenig variirt,) aber die silberweissen Spitzen an den Flügeldeckfedern und den untersten Schwanzdeckfedern, welche Artskennzeichen für Troglodytes europaeus sind, fehlen ganz, wenigstens an der ersten Stelle. Da einige der letztgenannten Federn bei dem einzigen Exemplare, das ich bis jetzt besitze, verloren gegangen sind, kann ich diese Behauptung nicht mit entschiedener Bestimmtheit auf die untersten Schwanzdeckfedern ausdehnen. Ich darf nur sagen, wie das Exemplar jetzt vorliegt, finden sich keine weissen Spitzen. – Ein Paar dieser Federn Federn haben ein weissgelbes Querband gegen die Spitze zu, die Spitze selbst aber ist braun, und die weissen Spitzen, welche bei Troglodytes europaeus einige der unterhalb der Schwanzdeckfedern sitzende Federn mit schwach zusammenhängender Fahne zieren, sind nicht vorhanden. Sollten nicht die besprochenen weissen Spitzen eben ihren Platz an den fehlenden Schwanzdeckfedern gehabt haben, so finden sie sich weder an den Flügeln noch unter dem Schwanze.
Diese Bemerkungen bitte ich als vorläufige zu betrachten. Ich habe Aussicht diesen
Sommer mehre Exemplare zu erhalten und werde hoffentlich durch das zwischen den Faröern und Copenhagen fahrende Dampfschiff Vögel im Fleisch zugeschickt bekommen, so dass ich dann im Stande sein werde, mich mit grösserer Bestimmtheit über manche Einzelnheiten auszusprechen. — Auch auf Island findet sich ein Troglodytes, der möglicher Weise derselbe ist wie der faröische. Ich habe Anstalten getroffen, um auch von dorther im Laufe des Sommers Bälge und Eier zu erhalten. —
Ich benutze diese Gelegenheit noch, um die Mittheilung zu machen, dass zufolge sicherer Nachrichten auf den Faröern sich ein Anthus findet, der Standvogel ist, und sich des Winters in der Nähe der Häuser aufzuhalten pflegt. Er nistet in Felsenlöcher, oder doch an solchen Stellen, wo überhängende Felsblöcke dem Neste gegen die Witterung Schutz gewähren. Ich besitze ein Exemplar dieses Vogels, habe aber das Versprechen erhalten, mehre zugeschickt zu bekommen, und bringe daher die Sache nur vorläufig zur Sprache.
Copenhagen, im Januar 1861.
