Auf den Vogelbergen der Färöer

Von M. phil. Carl Küchler.

Ornithologische Monatsschrift, 1913 (38), 297ff. [FAB-1694]

Auf meiner unter mancherlei Beschwerden und Abenteuern im Sommer 1911 ausgeführten Forschungsreise durch die Färöer, jene kleine auf halbem Wege zwischen Schottland und Island inmitten des einsamen Nordatlantischen Ozeans gelegene dänische Inselgruppe, gelangte ich nach einer zweitägigen prächtigen Fusswanderung am 12. Juli nach dem kleinen Fischerneste Sörvaag an der Westküste der Insel Vaagö, wo ich bei dem Kaufmanne Joen Rasmussen gastfreundliche Aufnahme fand. Da der Nachmittag selten prächtig war, die Sonne von einem wolkenlosen Himmel lachte und der Sörvaag-Fjord spiegelblank und ruhig vor uns lag, bot mir mein freundlicher Gastgeber selbst an, mich mit meinem Führer Sören Danielsen aus Midvaag in seinem eigenen Motorboote hinaus nach dem vor der Mündung des Sörvaag-Fjordes gelegenen kleinen Felseneilande Tindholm zu bringen, wo heute jedenfalls reges Leben auf den Vogel …

[hier fehlt leider ein Teil im Digitalisat; Ergänzung wird noch gesucht]

… noch niemals in so gewaltiger Grösse und Erhabenheit geschaut hatte.
Ueberwältigend, wie der Anblick des Meeres, bezaubernd, wie die Fernsicht südostwärts auf die sich lang dahinstreckende, von wilden, phantastisch geformten Klippen umsäumte Steilküste von Vaagö war, ein so grausig schöner Blick öffnete sich vor uns hinab in die schwindelnde Tiefe, wo das Gewirr der von tief ausgewaschenen breiten Schluchten und Klüften durchfurchten Klippen und von Tausenden gewiss haushoher abgestürzter Felstrümmer das Auge nirgends zur Ruhe kommen liess. Und um dahinunter zu gelangen, schwangen sich meine beiden Begleiter, ehe ich noch recht etwas von ihren Vorbereitungen gemerkt hatte, jetzt an dem um einen Felsblock festgelegten Seile über den Rand des Felssattels, den wir eben erst erklettert hatten: Joen Rasmussen mit dem Vogelnetze voran, die lange Stange zum Abstossen von der Felswand gebrauchend, und Sören Danielsen hinter ihm drein, während ich selbst ihnen bei ihrem Abstiege nicht einmal nachblicken durfte, um nicht etwa einen Stein ins Rollen und hinter ihnen her zum Absturze zu bringen, der dem einen oder dem anderen von ihnen unfehlbar den Kopf zerschmettert haben würde!
Denn hier befanden wir uns auf einem der ebenso berühmten wie berüchtigten, von Tausenden und Abertausenden von Seevögeln bevölkerten „Vogelberge“, wo ungezählte Scharen von Seepapageien, Lummen, Alken und Dreizehenmöven mehr oder minder verträglich beieinander wohnen und den ganzen Sommer über schreiend und kreischend, knurrend und pfeifend tagaus, tagein ein so ohrenbetäubendes Höllenkonzert vollführen, dass ihr unaufhörliches Lärmen mehrere Kilometer weit vernehmbar ist, in der Nähe aber so schrill und grell tausendfach von den Felswänden widerklingt, dass man sich die Ohren verstopfen möchte, um den Lärm auf die Dauer ertragen zu können.
In langen Reihen, eines neben dem anderen hockend, sitzt die lustige Gesellschaft zu Hunderten auf einem einzigen Felsabsatze (siehe Tafel XV). Ueber und unter ihnen erkennt man ebenso lange Reihen auf jedem einzelnen weiteren Vorsprunge der Hunderte von Metern hohen Felswand. Aus allen Löchern gucken sie heraus; auf jeder Klippe zanken und beissen sie sich; hoch oben und tief unten fliegen sie ab und zu und wirbeln kreischend durcheinander. Ueber dem Meere draussen aber schwebt eine zeitweilig die Sonne verdunkelnde ganze Wolke von ihnen, die sich in weiten Kreisen immer wieder der Felswand nähert, um immer wieder hinauszufliegen, — stundenlang, obne Unterbrechung -, von immer neuen Scharen gefolgt, die sich ihr, wenn sie dicht an den Felsen vorüberkommt, anschliessen, so dass eher das Auge ermüdet und ihnen fast nicht mehr zu folgen vermag, als dass diese ewig kreisenden Scharen einmal zur Ruhe kämen.
Warum sie das tun, ist unbegreiflich; um so unbegreiflicher, als ihnen dieses fortwährende Kreiseziehen zu ihrem eigenen Verderben wird!
Denn in dem Augenblicke, wo sie dicht an der Felswand vorüberflattern, kommt plötzlich da unten, wo der Vogelfänger auf einem schmalen Absatze mitten in der Felswand hinter einer Klippe verborgen sitzt, das grosse Vogelnetz herausgefahren, um mit geschicktem Schlage einen oder mehrere von ihnen in dessen Maschen zu fangen. Und kaum hat der „fleygimadur“ sein Netz wieder eingezogen, um die zappelnden Tiere aus seinen Maschen herauszuholen und ihnen den Hals umzudrehen, da kommt die nie klug werdende Schar auch schon wieder angeflogen. Und wieder kommt das Netz gefahren, und wieder müssen einige ihr Leben lassen, bis der Fänger schliesslich einen solchen Haufen von toten Vögeln beisammen hat, dass er für heute genug zu haben glaubt und dem grausamen Spiele ein Ende macht.
Auf diese Weise kann ein geschickter Vogelfänger an einem einzigen Tage 800 bis 900 Seepapageien einfangen; und wenn in einem mittelmässigen Fangjahre auf den gesamten Färöern allein an Seepapageien 200—300000 und an Lummen etwa 50-60000 erlegt werden, so wird man verstehen können, wie ungeheuer gross die Zahl der in den Vogelbergen nistenden Seevögel sein muss, da ihre Menge trotz alledem niemals abzunehmen, im Gegenteile, sich von Jahr zu Jahr sogar zu vermehren scheint.
Sowohl die Seepapageien wie die Lummen, namentlich aber die ersteren, bilden ein Lieblingsgericht der Färinger, von denen sie teils frisch genossen, teils durch Trocknen in der Luft oder durch Einsalzen als Nahrungsmittel für den Winter aufbewahrt werden.

Auch die Federn benutzt man sowohl im eigenen Haushalte wie als Handelsware; und da erst 400 Lummen 36 Pfund Federn ergeben, während nicht weniger als 24 Dreizehenmöven oder 30 Seepapageien zu einem einzigen Pfunde gehören, so kann man aus der in den Jahren 1897 bis 1902 erzielten jährlichen Durchschnittsausfuhr von 1566 Pfund Vogelfedern wiederum ermessen, wie viele dieser Tiere jahraus, jahrein ihr Leben lassen müssen.
Die „Vogeljagd“ ist deshalb für den Färing durchaus nicht etwa ein blosser Sport, sondern eine ebenso unschätzbare Erwerbsquelle wie sein Fischfang; und sicherlich gehören nicht nur von Jugend auf anerzogene Uebung und Geschick, Kraft und Gewandtheit, sondern auch Mut, Geistesgegenwart und eine seltene Willensstärke dazu, einem solchen Handwerke obzuliegen. Daher ist es denn auch nicht zu verwundern, wenn der alte Vater wohl den rüstigen Sohn, der sich bei diesem Vogelfange zum ersten Male als „Mann“ zeigen soll, hinausbegleitet; wenn er ihm unter Umarmung und Segenswünschen da oben am Klippenrande Lebewohl sagt, ehe er sich über den schwindelnden Abgrund hinausschwingt; und wenn er noch immer still im Gebete verharrt, während das von den Gefährten gehaltene Seil mit seiner Bürde bereits langsam Elle um Elle über die Felsen hinabgleitet.
Ueber der tief unter ihm donnernden Brandung schwebt der Kühne dann frei in der Luft, das Gesicht der Felswand zugekehrt, um nicht von Schwindel erfasst zu werden, und sich mit der langen Netzstange und den Beinen von den Vorsprüngen abstossend, bis er glücklich auf einer Klippe landet, wo er einen zum Netzfange günstigen und sicheren Platz gefunden zu haben glaubt. Oder er klettert auch, nachdem er auf einem Felsabsatze, auf dem die Vögel in Scharen hausen, gelandet ist und das von seinem Leibe gelöste Seil unter einem Steine festgelegt hat, wo dies möglich ist, auf dem schmalen Felsrande umher, um die zum grossen Teile unbekümmert still sitzenden und ihn in ihrer Ueberraschung mit grossen Augen unverwandt anstarrenden Vögel entweder mit den Händen zu greifen oder durch Ueberwerfen des Netzes zu fangen, sammelt Eier ein und schleppt eine Beute zusammen, die unter Umständen später ein ganzes Boot zu füllen vermag. Verweilt er doch manchmal tagelang auf einem der ergiebigsten Vogelfelsen, wo er sich während der Nacht, wenn er im Schutze einer Klippe schläft, wieder an dem Seile festbinden muss, um nicht im Schlafe über die Felswand zu rollen und in die Tiefe zu stürzen, und wohin ihm die Genossen entweder von droben her Nahrungsmittel an dem Seile zusenden, oder wohin er sich diese selbst an einem zweiten Seile aus dem tief unter ihm anlegenden Boote in die Höhe zieht.
Aber nicht immer laufen diese Jagazüge so glimpflich ab! Schon mancher Wackere ist beim Ersteigen der steilen Felswände dieser Vogelinseln, weil er den Halt oder die Besinnung verlor, abgestürzt und entweder zerschmettert drunten angekommen oder in den Fluten des am Fusse der Felsen brandenden Meeres verschwunden. Oder oben am Klippenrande ist einer ausgeglitten und hinaus ins Meer gestürzt; ein anderer, den man am Seile hinunterliess, ist von nachstürzenden Steinen erschlagen worden; und wieder an einer anderen Stelle zerschnitt die scharfe Felskante das Seil, an dem der Mutige zwischen Himmel und Wasser schwebte, so dass er, von den das Tau ablassenden Genossen ungehört und ungesehen, in die schaurige Tiefe stürzte, während man droben erst an dem Schwinden der Last merkte, dass man abermals einen der Seinen auf Nimmerwiedersehen verloren habe. –
Nicht wenige Felswände der Färöer wissen von erschütternden Katastrophen und ergreifenden Erlebnissen der tapferen Insulaner zu erzählen; und ich war deshalb auch nicht wenig um meine beiden Gefährten Joen und Sören besorgt, als sie an dem langen Seile in die ungeheure Tiefe vor mir hinabglitten, in die ich ihnen, wie gesagt, nicht einmal mit dem Auge folgen durfte. Doch schon nach kurzer Zeit sah ich sie auf einem rechts unter mir etwas vorspringenden Felsabsatze entlang klettern, wo sie hinter einem Klippenrande Posto fasten; und ununterbrochen kam nun Joens Netz von dort herausgefahren, wenn die beständig ihre Kreise ziehende dichte Wolke von Vögeln an ihnen vorüberzog, so dass er binnen einer Stunde nach meinem Ermessen bereits eine Beute beisammen haben musste, mit der er für heute wohl zufrieden sein konnte.
Und richtig: während ich noch mit meiner nie fehlenden und auch hier herauf mitgeschleppten photographischen Kamera beschäftigt war, die an der Felswand links über mir hockenden und mich neugierig beobachtenden Dreizehenmöven auf einem meiner Films (sic!) einzufangen, kamen die beiden, die sich ihre Beute an Seepapageien rings um den Leib gehängt hatten, wieder an dem Seile über den Felsrand emporgeklettert, um auf einem neuen Film gleichfalls von mir „eingefangen“ zu werden und nach kurzer Rast mit mir zusammen den Rückweg nach unserem Landungsplatze hinunter anzutreten, von wo wir gegen 9 Uhr abends nach Sörvaag zurückkehrten, – ich selbst reich an interessanten und schönen Erinnerungen von einer färöischen „Vogeljagd“ auf dem so winzig kleinen und doch so gewaltig erhabenen Tindholm da draussen an der Westküste der von den rollenden Wogen des Nordatlantischen Ozeans umbrandeten Färöer.

Vogelfänger (Fuglemand).
Seepapagei (Mormon fratercula).
Vogelberg mit Seepapageien besetzt.
Tindholm og Sorvaagsbjergene.
Vogelberg auf den Färöern, von Seepapageien, Lummen, Alken und Möven besetzt.
Färöischer Vogeljäger beim Abstiege an der Felswand.