Auf den Färöern. Prof. Lehmann – Teil 5

Von Prof. DDr. Edward Lehmann.

Meereskunde 1913 (7/11), Seite 1 – 32 [FAB-1769]

Sonst sind es nicht die Frauen, die sich hier hinauswagen, vielmehr werden sie, jedenfalls von ihrer Heirat an — und sie heiraten früh – zu Hause gehalten, in einer Welt, die ebenso klein und eng ist, wie die Welt des Meeres und der Berge, die den Mann hinausruft, offen und groß. Der Typus der Frauen gestaltet sich deshalb lange nicht so kräftig und auch nicht so schön wie der der Männer; ich habe nur wenige gesehen, die man als schön gewachsen bezeichnen könnte. Das eingeschlossene Leben, die kleinen und mühsamen Beschäftigungen, die vielen Kinder – sie wimmeln über jede Schwelle -, das ewige Kaffeetrinken und Zuckernaschen, vom Kränzchengeplauder der Nachbarinnen begleitet, – das alles gibt Stagnation und Verkümmerung, frühes Altern, beschränkten Gesichtskreis. Die Frauen werden demgemäß viel weniger, als es sonst im Norden der Fall ist, von den Männern hochgeachtet. „Enten und Hühner und Frauenzimmer stiften immer Schaden“, heißt es bei ihnen.

Ist es zufällige Tradition, die das Lebenslos so ungleich verteilt hat? Ich glaube, daß das Klima dazu mitgewirkt hat. Entweder muß man hier mit vollen Kräften den Kampf mit der Natur aufnehmen – oder man muß hinter verschlossener Tür den Elementen entfliehen. Wenn man sieht, wie vereinsamt und öde die Häuser und Gehöfte liegen, kann man verstehen, wie kümmerlich das Leben, auch das organische Leben, bei denjenigen verläuft, die in diesen Häusern eingeschlossen leben. Angst und Sorge war immer des Schiffers und des Fischers Frau beschieden. Aber hier, in dieser Einsamkeit, in diesen finsteren Winternächten, bei dieser ewigen Ungewißheit, ob der Mann, der heute morgen ausging, auch abends zurückkehren wird!

Abbild. 10. Phot. Dr. A. Dampf. Haus in Öre (Österö). Über dem Grasdach der Holzschornstein; das kleine Nebenhaus für Torf und Fische.
Abbild. 11. Phot. K. Schreiber. Haus in Langesand (Stromö).