Island und die Färöer (Teil 2)

Alexander Baumgartner

Nordische Fahrten, Skizzen und Studien 1889 (XIV), Seite 47-62 [FAB-0159]

Ankunft in Thorshavn

23. Juni.
Wie die alten Mönche hatten wir diesmal eine kurze Nacht. Um 11 Uhr zu Bett, um 3 Uhr schon wieder auf. Man warf die Anker ziemlich weit vom Strand der Insel Strömö, und ein paar schrille Signale verkündeten dem einsamen Städtchen Thorshavn unsere Ankunft. Wir kleideten uns rasch an und rüsteten den Koffer, der unsere Paramente enthielt. Denn es kam alles darauf an, heute noch den wenigen Katholiken auf den Färöern die heiligen Sacramente spenden zu können. Sonst blieb nichts übrig, als bis zum nächsten Schiff, d. h. etwa 14 Tage, auf diesen traurigen Felsinseln zu verweilen. Im Dämmerlicht eines trüben Morgens, ohne Bäume und Busch, aus knorrigen Felsmassen geballt, wie man sie künstlich an den Weihnachtskrippen nachmacht, sah die Küste von Strömö schrecklich öde aus, die gegenüberliegende, nur spärlich bewohnte Insel Naalsö noch trauriger. Die meisten Dächer von Thorshavn sind mit Gras überwachsen, und die Ortschaft sieht deshalb mehr einem Alpendorf als einem Städtchen gleich. Nur die Kirche, das Haus des Amtmanns, einige andere Häuser und der Flaggenstock einer kleinen Befestigung geben dem Ganzen etwas Ansehen.
Auf das Schiffssignal kam ein Nachen heran mit drei Färingern, einem Alten und zwei jungen Burschen. Der Alte, Zacharias mit Namen, war ein Seebär von echtem Schrot und Korn. Er dient seit langen Jahren als Lootse und Postgehilfe. Mit seinem wettergebräunten Gesicht, den scharfen Zügen, dem dunklen Haar und Vollbart konnte er wohl einen Vikinger vorstellen, die beiden Burschen aber das Romantische der Saga übernehmen. Alle drei trugen kurze, graubraune Jacken, Kniehosen derselben Farbe, Wollstrümpfe ebenso, sandalenartige Schuhe von Schafleder. Die Charakteristik aber gab die Färingerkappe, eine spitze hohe Mütze von blau und roth gestreiftem Wollzeug, nach Art einer Freiheitsmütze vorn umgebogen. Sie steht ganz keck, republikanisch.

Zacharias kannte den P. von Geyr schon und schüttelte deshalb ihm und uns gleich treuherzig die Hände, sorgte für unsern Koffer und ruderte uns mit seinen munteren Gesellen ans Land. Es waren prächtige Burschen, schlank, gut gewachsen, urkräftig, ohne Schuletikette und Culturfirniß; doch hatten sie im Gesicht etwas Pfiffig-Verschmitztes, was mir nicht recht gefallen wollte. Sie ruderten uns in der feierlichen Morgenstille in den kleinen Hafen hinein, dessen dunkles Felsgestein arg von den Wogen zerpeitscht, zerklüftet und abgeplättet war. An einem Vorsprung ward gehalten. Er heißt Thingnäs — Dingnase. Da wurden in alten Zeiten die Volksversammlungen gehalten. Jetzt lag alles voll ausgeweideter Dorsche — Köpfe und Eingeweide ohne viel Umstände daneben und drum herum. Ein kleiner Pfad führte uns an die Bretterhäuser einer ansehnlichen Factorei. Sie gehört einem Hamburger Kaufmann, Namens Hansen, der den P. von Geyr schon zweimal gastlich beherbergt hatte. Es war etwas früh, Besuch zu machen, noch keine fünf Uhr. Allein Noth bricht Eisen, und mit der Etikette nimmt man’s im Norden nicht so genau. Frau Hansen hatte uns pochen gehört und kam selbst im Morgenanzug, uns die Thüre aufzumachen, uns einen Kahn mit Ruderern nach Hvidenäs zu bestellen und uns selbst als liebevolle Martha ein Frühstück zu bereiten. Da P. von Geyr sich unwohl fühlte, verzichtete ich auf das Frühstück, um die heilige Messe zu lesen. Zeit war nicht viel übrig; denn nach Hvidenäs war es zu Wasser wenigstens eine Stunde und der Kapitän hatte unsern Termin auf neun Uhr gestellt.

 

Torshavn