Albert von Geyr-Schweppenburg
Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]
St. Olafs Fest
Doch kommen wir wieder auf mein Tagebuch zurück. Wir find am 29. Juli. Es ist Sonntag. Heute ist großes Fest in Thorshavn. Von allen Seiten kommen die Leute in ihren Booten nach Thorshavn, — das stille Städtchen ist voller Menschen. Es ist St. Olafs-Tag, das alte katholische Fest jenes Heiligen, dem die Inseln den christlichen Glauben verdanken. Doch ach! es wird heutzutage in einer gar unwürdigen Weise gefeiert. Es ist kein Dankfest für die Gnade des Christentums. Von kirchlicher Feier ist gar keine Rede. Das ganze Fest besteht im Schnapstrinken. Vor meinem Fenster sehe ich sie vorbeiziehen, bald bilden sie Gruppen, und die Flasche geht in die Runde, bald ziehen sie Arm in Arm vorbei, schreien, fallen, wälzen sich betrunken auf dem Boden. Zuweilen bricht Schlägerei los, doch sie sind schon zu betrunken, um kräftig schlagen zu können. Wie traurig ist es, diese armen Leute zu sehen! Der unglückliche Branntwein zerstört hier das ganze Geschlecht. Man sagt, es seien fast alle Männer dem Trunke verfallen. Diese traurigen Erfahrungen machte ich bei meinem ersten Besuche.
Doch schon bei meinem zweiten Besuche, 5 Jahre später, war es ganz anders geworden. Es hatte sich durch den Einfluß einiger eifriger und einflußreicher Männer ein Enthaltsamkeits-Verein gebildet, der bis jetzt gute Früchte gebracht hat, und dem ich von Herzen ein gutes Gedeihen wünsche. Der Mann, welcher diesen Verein ins Leben rief, und der selbst mit dem Beispiel vorangeht, ist der protestantische Propst Sörensen. Ehre, wem Ehre gebührt! Ebenso hat der ausgezeichnete Kreisphysikus Dr. Madsen sich große Verdienste um den Verein erworben.
Der Verein hatte bereits ein Haus, wo Kaffee und Chokolade verabreicht wurde. Auf einer kleinen Seetour wollte ich großmütig meinen Wein den fleißigen Ruderern verschenken. Der erste wies die Flasche dankend zurück und sagte, er sei im Verein, der zweite ebenso, auch der dritte. Da wiesen sie auf den vierten, einen alten Seebären, und sagten: „Der da ist nicht im Verein, der kann sie trinken.“ Der aber wollte zeigen, daß man auch enthaltsam sein könne, ohne dem Verein anzugehören. Sollte ich mich nun von diesen zwar durstigen und doch enthaltsamen Leuten übertreffen lassen? Rein, das ging nicht. Die Flasche kam unberührt nach Hause zurück.
Am St. Olafs-Abend sollte auch getanzt werden. Der Nationaltanz der Färinger ist höchst eigentümlich und naiv. Es tanzen nicht zwei und zwei, sondern alle geben sich die Hand und bilden einen Kreis. Den einen Teil des Kreises bilden die Mädchen, den andern die Burschen. Musik hat man nicht. Alle singen mit überlauter Stimme einen färöischen Heldengesang, und nach diesem Takte wird getanzt. Diese Heldengesänge sind eigentlich die einzigen Quellen für die Geschichte der Inseln. Sie sind in der färöischen Sprache verfaßt, welche jedoch als Schriftsprache gar nicht existiert. Die Gesänge werden daher mündlich überliefert. Sonst ist die Sprache verwandt mit dem Altnorwegischen. Die Kinder lernen in der Schule nur Dänisch lesen und schreiben. So konnte ich die Leute nicht verstehen, wenn sie untereinander sprachen, doch sie verstanden mich gut, wenn ich Dänisch sprach. Die meisten Männer konnten sich auch mir gegenüber verständlich Dänisch ausdrücken: nicht so die Frauen, weil sie fast nie mit einem Fremden zusammenkommen und deshalb nie Gelegenheit haben, sich im Dänischsprechen zu üben.