Meine Reise nach den Färöern (Teil 7)

Albert von Geyr-Schweppenburg

Meine Reise nach den Färöern, Paderborn 1900 [FAB-0867]

Erzählungen der Färinger (1/2)

Am Sonntag den 29. Juli machte ich mich früh am Morgen auf den Weg nach meinem lieben Videnäs, um meinen Katholiken den Sonntagsgottesdienst zu halten. Zu meinem Erstaunen hatten sich viele Leute und zwar von weit her eingefunden, um der Predigt beizuwohnen. Ich wählte ein Thema, welches bei keinem Anstoß erregen konnte und für alle von Nutzen ist, über die Notwendigkeit des Gebetes. Alle zeigten sich mir sehr freundlich und wohlwollend. Überhaupt nehmen die Leute gerne Ermahnungen, selbst, wie ich später bemerkte, scharfe Verweise dankbar an, wenn sie sehen, daß man es gut mit ihnen meint. Die Färinger sind nämlich im Durchschnitt sehr religiös angelegt. Trotz der Trunksucht, der viele anheimgefallen sind, hört man nur selten Gotteslästerungen und Flüche. Die heilige Schrift kennen sie zum großenteil auswendig und bedienen sich gern ihrer Aussprüche, legen aber natürlich oft ihren eigenen Sinn hinein. Für geistliche Gespräche sind sie immer empfänglich und lassen sich oft im höchsten Zorn durch ein wohlangebrachtes frommes Wort besänftigen.

Als ich eben den Rückweg nach Thorshavn antreten wollte, begann es zu regnen. So war ich genötigt, in der Hütte des Jakob das Ende des Regens abzuwarten. Doch bald fand sich mein ganzes Auditorium von vorhin ein. Der eine huschte leise nach dem anderen herein, um seine Neugierde zu befriedigen. Ich aber dachte, es sei besser, wenn ich mir von den Leuten etwvas erzählen ließe, als daß ich stets den Erzähler machen sollte. O, das war Wasser auf ihre Mühle. Jetzt begannen sie, die interessantesten Volkssagen und Volksmärchen zu erzählen, Geschichten, die nur durch alte Traditionen und durch Erzählen aufbewahrt werden. Und wie schön sie zu erzählen verstanden. Der Erzählende stand auf und trug seine Geschichte mit großem Ernst, mit Überzeugung und vollendeter rhetorischer Gestikulation vor. Alle lauschten mit der größten Spannung, obwohl sie gewiß dieselben Geschichten schon unzähligemale gehört oder selbst zum besten gegeben hatten.

Während man gemütlich und vertraulich in der engen Stube sitzt, wird die Luft immer drückender und schwüler, teils durch die Feuchtigkeit der Atmosphäre, teils durch den Rauch des Kamines, teils durch den Qualm der kleinen Pfeifen, die während des Erzählens nicht ausgehen dürfen; selbst die alten Weiblein können einen starken Knaster vertragen. Draußen prasselt der Regen, der allmählich zu sündflutartiger Heftigkeit sich gesteigert hat, unheimlich auf die hölzernen Wände des Hauses. Nimmt man zu diesen Umständen die verschiedenen Erscheinungen der Natur, die der Bauer sowohl wie der Fischer fast täglich vor Augen hat — die phantastischen Gestalten, welche die Wolken und der Nebel in der zerklüfteten Felsnatur der Inseln anzunehmen pflegen, das Heulen des Windes, der in den Winkeln und Höhlungen der Felsen sich verfangend, die ganze Skala menschlicher und tierischer Laute durchläuft, den Wogenprall des Meeres, der von dem steilen, ausgespülten Klippenufer oft mit einem wahren Kanonendonner zurückgeworfen wird — nimmt man dies alles zusammen, so wird man es begreiflich finden, daß bei den zwar religiös gesinnten, aber doch nur wenig durchgebildeten Leuten manche abergläubische Sage den Charakter eines festen Volksglaubens angenommen hat.

So dic Sage vom Seegespenst (Sjodreygil). Dasselbe gleicht bald einem Manne, bald einem Hunde. Es heult oder brüllt, sodaß man es weithin hören kann. Feuer sprüht von ihm aus, wenn man ihm auf dem Lande begegnet, gewöhnlich aber trifft man es auf dem Meere. Oft bittet es um Erlaubnis, im Boote mitzufahren. So lange es dunkel ist, kann dasselbe im Rudern es mit zwei Mann aufnehmen. Damit es den Bootsinsassen nichts zu Leide thue, schneidet man ein Kreuz in den Boden des Bootes ein. Wenn es anfängt zu tagen, wird der unheimliche Gast kleiner und kleiner. Dann fängt er an zu flehen, daß man ihn ans Land setze. Sobald die Sonne erscheint, ist er wie fortgeblasen, aber dort, wo er gesessen, liegt ein Kreuzbein. Die Sage will nämlich, daß das Gespenst sich das Kreuzbein eines Menschen angeschaffen habe. Dieses bleibt zurück, wenn es verschwindet oder getötet wird. Die Deutung dieses Volksglaubens scheint mir auf der Hand zu liegen. Das Gespenst ist nichts anderes als die Furcht, die den abergläubischen Wanderer oder Seefahrer zur Nachtzeit befällt. Dieselbe verdoppelt die Kräfte des Ruderers; im selben Maße als es heller wird, schwindet die Furcht, die Folge der Überanstrengung bei der ängstlichen Fahrt ist aber eine schmerzhafte Ermüdung, die sich hauptsächlich in der Kreuzgegend fühlbar macht; daraus hat die geschäftige Phantasie ein Kreuzbein gemacht, das im Boote zurückbleibt. Hat jemand einen Hund bei sich, so kann das Gespenst ihm nichts anhaben. Dieser Zug der Sage bestätigt die Deutung. Der treue, tapfere Gefährte scheucht die leere Furcht von dannen.

Auch die Sage von den Meermenschen findet leicht ihre natürliche Deutung. Wie oft mögen nicht die Wogen oder die Wolkenballen am Ufer die Gestalt eines Menschen annehmen. Stimmt dann gleichzeitig der Wind sein Sturmlied an, dann ist das Bild der tanzenden, singenden, wimmernden, weinenden, heulenden Meermenschen fertig. Gar viele der bei Jakob anwesenden haben sie gesehen. Sie zeigen dir den Felsen, auf dem sie gesessen. Und wage es nicht, zu sagen: „Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif;“ sonst wirst du für einen halben oder ganzen Ungläubigen gehalten. Ganz abergläubisch ist die Vorstellung vom Ursprung dieser Meermenschen. Die Hütte der Mutter Eva war schon mit einer großen Zahl Kinder, Knaben und Mädchen, bevölkert. Eines Tages, da die Hälfte ihrer Kinder noch nicht gewaschen und gekämmt waren, sah sie den Herrn vom weiten ihrer Hütte nahen. Da sendete sie die ungewaschenen Sprößlinge eiligst zum nahen See und verbarg sie im Uferschilf. Als nun der Herr kam, stellte sie ihm die gegenwärtigen Kinder vor. Auf seine Frage, ob sie noch weitere Kinder habe, antwortete sie verschämt mit Nein. „Gut,“ sagte der Herr, „dann sollen alle bleiben, wo sie sind.“ Seitdem bevölkern die armen Verbannten die Tiefen des Meeres.

Natürlicherweise giebt es auch auf dem Lande sagenhafte Wesen, Hexen und Kobolde, die Hülle und Fülle. Lustig ist die Sage von der Hexe von Grivinar hol. Auf der Insel Sandö findet sich eine tiefe Höhle, Grivinar hol. Darinnen wohnte eine Hexe. Einst schlich ein Mann sich in die Höhle, um die Hexe aufzusuchen. Er fand sie damit beschäftigt, auf einer Handmühle Gold zu mahlen. Neben ihr saß ein Kind und spielte mit einem Goldstock. Die Hexe war blind. Da schlich der Mann sich ganz leise heran und füllte sich die Taschen mit dem Gold, das der Mühle entfiel. Die Hexe sah und hörte nichts, sagte aber doch: „Entweder mahlt die Maus, oder stiehlt der Dieb, oder aber reibt die Mühle nicht recht.“ Da der Mann dieses hörte, entfernte er sich, nahm aber zuvor dem Kinde den Goldstock ab und schlug es damit auf den Kopf, sodaß es jämmerlich zu heulen anfing. Wipps! war die Hexe auf den Beinen und fuhr wie rasend in der Höhle umher. Sie tastete nach rechts, sie tastete nach links, konnte aber den Räuber nicht erwischen; denn dieser war schon draußen und galoppierte auf seinem schnellen Pferde aus allen Kräften seinem Dorfe zu. Die Hexe hört das Getrappel und ruft die Nachbarhexe zu Hilfe, erzählt derselben ihr Leid und bittet sie, den Dieb zu fangen. Diese war nicht faul. Mit einem Sprung setzt sie über das Wasser. Noch sieht man zu beiden Seiten „die Fußstapfen der Hexe“ im harten Stein. Aber der Mann entkam ihr bis gen Volysmyr. Dort war sie ihm so nahe, daß sie den Schwanz des Pferdes ergreifen konnte. Der Mann giebt in seiner Verzweiflung dem Pferde die Sporen — und die Hexe hat das Nachsehen. Denn wohl behielt sie den Schwanz des Pferdes in ihren Händen, aber dem Fliehenden gelingt es mit einigen weiteren Sätzen soweit zu kommen, daß er eine Kirche erblickt. Da kann ihm die Hexe nichts mehr anhaben, und sie muß unverrichteter Dinge zurückkchren. — Man sieht, der Glaube ist in den Augen des Volkes stärker als der Aberglaube, hat aber diesen nicht vollends austreiben können.

Ähnlich verhält es sich mit der Sage von den Kobolden auf Trollenäs. Die Kobolde nisten sich gern in leerstehenden Menschenwohnungen ein, wo sie sich mit Tanz und Sang erfreuen. Ein tolles Treiben aber pflegten sie auf Trollenäs (— Koboldland), dem nördlichsten Bezirk der Insel Kalsö, zu vollführen. Dort kamen jede dreizehnte Weihnachtsnacht so viele Kobolde aus allen Ecken und Kanten hcrvorgekrabbelt, daß die Bewohner des Bezirkes samt und sonders nach Mikladal ziehen und dort verweilen mußten, so lange die fremden Herrschaften sich auf Trollenäs belustigten. Nun geschah es einmal, daß eine alte Frau nicht imstande war, mit den übrigen Leuten davonzuziehen. Sie mußte also in der verhängnisvollen dreizehnten Nacht zu Hause bleiben. Sie legte sich in der Kaminstube unter den Tisch und verbarg sich, so gut sie konnte, damit die Kobolde sie nicht entdecken sollten. Da es nun gegen Abend ging, sah sie die Kobolde dicht gedrängt wie Schafe in der Hürde und so zahlreich, daß ihr ganz schwindlig wurde, zur Thür hereinströmen. Sie begannen sofort zu tanzen und zu johlen, wippelten und trippelten durcheinander und warfen alles drunter und drüber und machten dabei einen solchen Heidenlärm, daß dem armen Weiblein unterm Tisch Hören und Sehen verging. Als sie nun mitten im tollsten Spiele waren, konnte die Alte nicht mehr an sich halten, und in ihrer Angst rief sie laut: „Jesus, sei mir gnädig!“ Kaum aber hörten die Kobolde den süßen Namen Jesus, den sie alle so sehr fürchten und hassen, da wurden sie von einem jähen Schrecken ergriffen. Eilig, wie sie gekommen, machten sie sich alle davon, indem einer dem andern zurief: „Gidja hat uns den Tanz gestört.“ Seither haben sie sich in der Gegend nicht mehr sehen lassen. Nach den Festtagen kamen die Trollenäsleute von Mikladal zurück, sie meinten nicht anders, als die alte Gidja tot zu finden. Diese aber kam ihnen wohl und munter entgegen und erzählte, wie sie die unholden Gäste verscheucht. Seitdem wurde das gute Mütterchen hoch in Ehren gehalten.